Älter werden als Frau? Ein Thema, über das man lieber schweigt. Wer sind wir? Wie wurden wir geprägt? Wer sind unsere Vorbilder? Wie altern wir und wie unterschiedlich erleben wir das Altern? Wie werden wir in den jeweiligen Lebensphasen gesehen, bewertet, abgewertet?
„Wer wir sind“: Reflexion über das Altern in Erfurter Studio.Box
Bei der Veranstaltung „Wer wir sind“ reflektieren vier Frauen unterschiedlichen Alters zusammen mit der Autorin und Podcasterin Stephanie Hielscher über die Herausforderungen, Vorurteile und Missstände einer patriarchal geprägten Gesellschaft. Mithilfe eines literarischen Exkurses aus ihrem Buch „So alt war ich noch nie“ und dem darauffolgenden Talk, sollen die gängigen Mythen rund ums Altern aufgezeigt werden. Wir sprachen mit Organisatorin und Veranstalterin Jule Großmann über die Hintergründe.
Jule, was hat Dich persönlich bewegt, eine Veranstaltung zum Thema „Älterwerden als Frau“ zu initiieren – und warum genau jetzt?
Ich bin letztes Jahr vierzig geworden und habe bemerkt, dass mich diese Zahl mehr beschäftigt, als noch die Dreißig. Oftmals haben Menschen sehr erstaunt reagiert, als sie mein Alter gehört haben und haben erwidert, dass ich nicht aussehen würde wie Vierzig. Vor Jahren hätte ich dies als Kompliment aufgenommen. Heute finde ich es ärgerlich, weil es zeigt, wie Menschen mit dem Altern umgehen, welche Vorstellungen sie haben. Da stellt sich die Frage: wie hat eine 40-jährige Frau auszusehen?
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Der Titel „Wer wir sind“ klingt nach kollektiver Selbstvergewisserung. Wer ist mit „wir“ gemeint – und wer darf diese Frage mit Dir verhandeln?
Im Bezug auf diese Veranstaltung beziehe ich mich auf weiblich gelesene Personen. „Wer wir sind, wer sind wir?“ ist einerseits Frage und Antwort zugleich. Wir wissen genau wer wir sind, wer wir sein oder wie wir leben wollen, müssen dies jedoch oft hinterfragen bzw. in Frage stellen lassen. Ich möchte Wachstum, Selbstreflexion und Austausch. Ein Miteinander.
Viele Stereotypen kommen aus unserer patriarchal geprägten Gesellschaft. Somit braucht es mehr als uns Frauen, um diese abzubauen. Aber wir können lernen, miteinander zu gehen, zu Vorbildern zu werden, uns auszutauschen – ohne Ellenbogen, um somit stärker zu sein.
Warum glaubst Du, fällt es unserer Gesellschaft so schwer, über das Altern von Frauen offen zu sprechen – ohne entweder zu schweigen oder zu stereotypisieren?
Weil der Narrativ vorherrschend ist, dass Frauen ab einem gewissen Alter verschwinden. Unsichtbar werden. Somit werden Frauen entweder nicht mehr gezeigt oder falsch dargestellt. Beautyprodukte und Kosmetik wird nur mit straffen Gesichtern beworben. Über die Menopause wird nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen. Frauen in Filmen bekommen Rollen der Mutter, der Verlassenen, die versucht nochmal neu anzufangen, der Gebrochenen, Verbitterten.
Und wenn sie Frauen spielen, die ihre Bedürfnisse erkennen und denen nachgehen, dann werden sie von Frauen gespielt, die zwar 60 sind, aber aussehen wie 30. Wo also soll Frau sich da orientieren, wo Vorbilder finden? Also ja, warum ist es so schwer? Weil es nicht anders vorgesehen ist? Weil es noch etwas brauch, bis neue Narrative verinnerlicht sind?
Viele Formate behandeln das Alter aus medizinischer Sicht – Du wählst den Weg über Literatur, Talk und Austausch. Warum setzt Du auf diesen Ansatz?
Stephanie Hielscher hat mich mit ihrem Podcast („50 über 50“) und ihrem Buch „So alt war ich noch nie“ inspiriert. Ich glaube mit ihrer Expertise, kann ein sehr bereicherndes Gespräch entstehen, dass viele Themen auf den Tisch bringt und sich Menschen dadurch gesehen fühlen und neue Dialoge entstehen können.
Was passiert eigentlich, wenn Frauen ab 50 nicht länger unsichtbar sein wollen – sondern laut, wütend, klug und humorvoll?
Frauen wollen nicht unsichtbar sein. Frauen sind laut, wütend, klug, humorvoll, inspirierend, stark, sanft, leidenschaftlich, mutig, ängstlich, facettenreich, aufregend, mitreißend, besorgt, verführerisch, chaotisch, heilsam, rastlos, verrückt, verständnisvoll, verwundbar, wild, …
Wer dies nicht sehen will, dies klein machen will, abwerten will, der ist das Problem. Wenn dies alles gesehen werden würde, dann würden wir leichter leben können – freier.
Du hast bewusst Frauen aus unterschiedlichen Generationen eingeladen. Was erhoffst Du dir von diesem intergenerationellen Dialog – jenseits der „Weisheit des Alters“?
Die Schubladen beginnen ja nicht erst ab 50. In denen stecken wir meist schon vor der Geburt. Wie wir uns in einem bestimmten Alter verhalten sollten, ab wann es dann mal endlich Zeit ist, einen richtigen Job zu haben, Kinder zu bekommen, Haus und Hof noch mit dazu. Ab wann man lieber nicht mehr die ausgeflipptesten Klamotten tragen sollte, es schickt sich nicht, du in deinem Alter …
Ich denke, wir können nur so voneinander lernen. Nur so Stärke aus Erfahrungen älterer Frauen ziehen, Leichtigkeit von Jüngeren, mehr über unseren Körper lernen, die Sexualität, Beruf, Freundschaft, Finanzen. Ich persönlich habe mein Wissen über meinen Zyklus und die Menopause nicht von Ärzten oder der Schule, sondern Frauen, deren Bücher, Podcast. Und den Austausch im Freundinnenkreis.
Wie kann ein solcher Abend mehr sein als ein Gespräch unter Gleichgesinnten – und wirklich etwas in den Köpfen der Gesellschaft bewegen?
Wenn die Zuhörenden offen sind, Gesagtes reflektieren und in die eigenen Familien und Freundeskreise mit einbringen, dann können Klischees und Ungerechtigkeiten erkannt und vielleicht sogar beseitigt werden. Wenn Menschen sich durch solch eine Veranstaltung empowert fühlen, verstanden oder auch gesehen, dann ist das für mich auch schon eine sehr große Errungenschaft.
Ich möchte mit dieser und vielleicht auch folgenden Veranstaltungen Themen auf den Tisch bringen, die so vielleicht noch nicht behandelt wurden. Oder in so einem Format behandelt wurden.
Zum Schluss eine kleine Fangfrage: Gibt es eigentlich ein Alter, in dem man aufhört, sich die Frage zu stellen: Wer bin ich eigentlich – und wenn ja, warum nicht?
Ich glaube, man sollte nie aufhören, sich zu reflektieren und zu wachsen. Wir können in jedem Alter neugierig sein, uns neu erfinden oder altes wiederentdecken. Oder einfach nur zufrieden erkennen, dass wir toll sind.
Hard Facts:
- Wer wir sind:
- 4. Mai | 17:30 Uhr
- Studio.Box am Theater Erfurt
- Mehr auf Instagram: @wer_wir_sind_
