„Plötzlich hat die Realität voll reingehauen“: Jenaer TV-Star ergattert Serien-Hauptrolle im ARD
Der in Jena aufgewachsene Schauspieler Albrecht Schuch wurde durch seine Rolle im oscarprämierten Antikriegsfilm „Im Westen nichts Neues“ einem internationalen Publikum bekannt. Nun verkörpert er die Hauptrolle in der ARD-Serie „Breitscheidplatz 19/12“, welche die Amokfahrt des Terroristen Anis Amri vor zehn Jahren aufarbeitet.
Jena trifft Berlin: Schuch ermittelt in ARD-Serie
In Jena groß geworden, in Berlin zu Hause: Albrecht Schuch spielt in der ARD-Serie „Breitscheidplatz 19/12“ einen LKA-Ermittler, der beruflich wie privat auf Misstrauen stößt und am Ende völlig auf sich gestellt ist. Bevor die sechs Folgen bald im TV laufen, sprachen wir mit ihm über bewegende Begegnungen, Empathie und seinen Lieblingsplatz in Jena.
Während des Attentats auf dem Breitscheidplatz am 19. Dezember 2016 waren Sie nicht in Ihrer Wahlheimat Berlin, sondern bei Freunden in Mecklenburg-Vorpommern. Können Sie sich noch daran erinnern, wie Sie davon erfahren haben?
Ich glaube, ich habe erst am nächsten Tag davon erfahren, denn auf dem Land zieht man jegliche Stecker der Kommunikation. Da guckt man kein Fernsehen und ist nicht am Telefon, weil sowieso kein Empfang besteht. Wir haben mit unseren Freunden, Bio-Bauern, Gänse verkaufsfertig gemacht. Die sollten am nächsten Tag von den Käufern abgeholt werden. Als ich davon erfahren habe, hat das ziemlich reingehauen. Man ist dann immer sprachlos, es fehlen die Worte. Aber dann macht man, wie die meisten anderen Menschen auch, relativ schnell weiter.

Gab es im Zuge der Dreharbeiten eine Konfrontation mit den Auswirkungen des Attentats?
Richtig angekommen ist das Ganze jetzt bei der Premiere auf dem Filmfest Hamburg, als wir die Serie vorgestellt haben. Hier kamen als Mitglieder der damals gegründeten Vereinigung „Victims of Terrorism Germany“ Angehörige der Opfer des Anschlags auf mich zu, stellten sich vor und erzählten, wen sie dabei verloren haben. Plötzlich hat die Realität voll reingehauen – und man versteht etwas. Plötzlich erhält dieses abstrakte Ereignis ein menschliches Antlitz. Das hat mich ziemlich geschüttelt. Eine Person meinte, dass die von uns hinzugedichtete Fiktion zu den Fakten dabei hilft, eine Geschichte zu haben für all die bis heute unbeantworteten Fragen. Das fand ich abgefahren.
Welche Fragen konkret?
Versetzen Sie sich einmal hinein: Sie verlieren einen geliebten Menschen und über Jahre hinweg kommt nicht heraus, wie das passieren konnte. Wie kann es sein, dass der international polizeibekannte Islamist Anis Amri diesen Anschlag verüben konnte? Die gehen in Untersuchungsausschüsse, in denen Akten immer noch nicht freigegeben werden und kriegen weiterhin keine Antworten. Dann kommt etwas Fiktives um die Ecke und gibt eine mögliche Antwort – und hilft den Hinterbliebenen dabei, zumindest etwas in der Hand zu haben.
Sie verkörpern mit Frank Laudin vom Staatsschutz eine Figur, die beruflich wie privat mit Misstrauen und Verrat konfrontiert wird. Was hat Sie an dieser Rolle gereizt, die kaum positive Emotionen zulässt?
Mh … (überlegt lange) Vielleicht genau das, vielleicht dieser Pragmatismus … Am meisten hat es mich gereizt, nach „Atlas“ (ein TV-Film aus dem Jahr 2018, Anm. d. Red.) wieder mit David Nawrath zusammenzuarbeiten. Ich mochte unsere Zusammenarbeit damals. Ich wusste, dass es ihm gelingen würde, die Geschichte zwischen den drei Charakteren genau zu beobachten, zuzuhören und dann nicht über, sondern von Menschen zu erzählen. Das schafft auf diese Art und Weise wahrscheinlich nur er.
Ich hatte eigentlich erstmal gar keinen Bock auf einen LKA-Beamten und wir haben dann noch etwas an der Rolle herumgeschrieben, soweit man daran noch herumschreiben kann. Aber ich mochte die grundsätzliche Reibung dieses Menschen, der aufopferungsvoll nur ein Ziel verfolgt: die Demokratie zu schützen durch seine Möglichkeiten. Ich fand es so rührend, dass ein Einzelkämpfer zum Alleinkämpfer wird, der am Ende noch nicht einmal seinen Vorgesetzten vertrauen kann.
Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?
Ich habe mich mit LKA-Beamten getroffen, die mir aus ihrem Alltag berichtet haben. Das war für mich als Spieler und auch als Mensch horizonterweiternd. Was sie davon berichten, wie man mit Druck umgeht und wie man das teilweise eben auch nicht schafft, war schon sehr krass.
In Dankesreden oder auch in Interviews danken Sie häufig der Natur. Gibt es eine spezielle Landschaft, die sie erdet oder inspiriert?
Nee, generell Natur. Je unberührter, desto besser natürlich. Aber Natur im Generellen macht etwas mit meiner eigenen Natur und hilft dabei, unsere Natürlichkeit aufrechtzuerhalten, wenn wir ihr Respekt und Tribut zollen. Ich liebe Wälder, Berge, wilde Seen – ich schwimme viel. Dabei ist es egal, wo es stattfindet: Im Schnee, im Sand, im Wald oder am Meer.
Was ist Ihr Lieblingsplatz?
Hatte ich früher, aber inzwischen ist dieser Platz in Jena durch den Klimawandel und die damit verbundene Dürre sehr windig geworden.
Wo genau in Jena?
Ich mag die Kernberge und die Horizontale sehr gerne. Auf den 100 Kilometern kommt man an vielen wunderschönen Orten vorbei.

Wie häufig sind Sie noch vor Ort? Nutzen Sie Drehpausen für eine Fahrt in die alte Heimat?
Ja, absolut. Ich bezeichne Jena immer als eine Heimat und ich versuche sie so regelmäßig wie möglich zu besuchen. Wir sind aber Gaukler oder Spielende, die viel herumziehen.
Ihre ältere Schwester Karoline Schuch ist ja auch Schauspielerin. Gibt es einen beruflichen Austausch etwa bei der Rollenwahl oder bei neuen Projekten?
Teilweise gibt es den Austausch, aber wir sind in unseren Herangehensweisen unterschiedlich und machen deshalb viel mit uns allein aus. Diese Unterschiedlichkeit hilft aber auch dabei, einen anderen Blick aufeinander zu bekommen, Dinge sein zu lassen oder erst recht zu machen.
Bei der Rollenwahl ist auch die Frage: An welchem Punkt ist man gerade im Leben? Ich könnte jetzt nicht einen Psychopathen nach dem anderen spielen. Das geht nicht. Wenn ich gerade eine traurige Phase habe, brauche ich vielleicht genau das oder das Gegenteil in einem Charakter.
Gibt es feste Termine wie Familienfeiern, die Sie zusammen mit Ihrer Schwester verbringen?
Weihnachten versuchen wir eigentlich immer. Entweder bei meiner Schwester oder in Jena. Dieses Jahr wissen wir das noch nicht.

Was vermissen Sie in Jena am meisten?
Die direkte Anbindung an die Natur. Wenn man – egal aus welchem Winkel der Stadt – innerhalb von 15 Minuten in der Natur steht, dann ist das ein extremer Luxus. In Berlin hat man so etwas nicht, da fährst du immer eine Dreiviertelstunde. Das vermisse ich schon am meisten – neben meiner Familie und Freunden, die noch in Jena sind.
Gibt es einen Rat, den Sie Nachwuchsschauspieler:innen geben können?
Ich muss immer an meine alte Deutschlehrerin aus Jena denken, die mich zum ernsthaften Schauspiel geführt hat. Zuhören ist das Wichtigste beim Spielen und Kreieren eines Charakters. Mit Selbstwahrnehmung in andere Figuren zu schlüpfen, sich für ihre Geschichte zu interessieren und Gefühlszustände zu lesen, steigert das empathische Bewusstsein und hilft Jedem. Ganz ungeachtet, ob er oder sie später als Schauspieler oder Schauspielerin, Arzt oder Ärztin, Bäcker oder Bäckerin arbeitet.
Hard Facts:
- ARD-Serie „Breitscheidplatz 19/12“
- sechs Folgen: am 1. und 6. November im Ersten
- ab 30. Oktober in der ARD Mediathek
- Trailer
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