Text: Ruth Thüsing
Wie sollte ein Gedenken an den Holocaust in einer Zukunft aussehen, in der es sich nicht mehr auf lebendige Zeitzeugen stützen kann? Wie kann ein modernes Erinnern aussehen, das tatsächlich die Nachfahren der Tätergeneration in die Verantwortung zieht? Und wie lässt sich unsere Erinnerungskultur lebendig und pluralistisch gestalten, anstatt in einstudierte Routinen zu verfallen?
Susanne Siegert liest in Thüringen
Mit diesen Fragen beschäftigt sich Susanne Siegert auf ihren Instagram und TikTok-Kanälen @keine.erinnerungskultur, wo sie über den Holocaust aufklärt. Mittlerweile ist sie zu einer der bekanntesten Stimmen Deutschlands im Bereich der digitalen Erinnerungskultur geworden. Dafür wurde sie 2024 bereits mit dem Grimme Online Award und 2025 mit dem Margot Friedländer Preis für ihr Engagement ausgezeichnet.
„Gedenken neu denken“
Gerade ist sie auf Lesereise durch Deutschland und Österreich und stellt ihr erstes Buch „Gedenken neu denken“ vor. Darin beschäftigt Siegert sich mit der Zukunft vom Holocaust-Gedenken und regt zum Nachdenken über eigene Verantwortung an. Es geht um Erinnerungskultur, „aber anders.“
Arbeit findet nicht in Klassenzimmern oder Lehrbüchern statt. Stattdessen ist sie aktiv in den sozialen Medien, die besonders von Jugendlichen genutzt werden. Die Aufmerksamkeitsspanne der Plattformen ist kurz, speziell auf Tiktok wird immer weiter „gewischt“. Ist da kein Konflikt zwischen ernsthafter Gedenkarbeit und der Kurzlebigkeit der sozialen Medien? Gar nicht, meint Siegert.
Wie Gedenkarbeit auf TikTok funktioniert
Mit ihrer Arbeit wolle sie viele Menschen und „gerne auch sehr viele junge Menschen“ erreichen. „Da gibt es eben Plattformen, wo es sehr viele junge Menschen sind, und dann muss man natürlich auch mit dem Thema Aufklärung über Nazi-Verbrechen auf diesen Plattformen präsent sein“, sagt Siegert im Interview. Der Algorithmus sei tatsächlich eine große Chance für ihre Arbeit.
Susanne Siegert warnt vor Nazi-Vergleichen in Debatten
„Die Leute würden niemals in die Suchleiste eingeben, ‚sowjetische Kriegsgefangene‘ oder ‚Euthanasieopfer‘ und trotzdem werden ihnen meine Videos angezeigt“, sagt sie. So könne sie neue Menschen mit frischen Perspektiven und in einem ihnen gewohnten Tempo dort abholen, wo sie ihre Zeit bereits verbrächten.
Taucht mit Thüringens bekanntester TV-Patissière in ein Weihnachts-Stars-Hollow ein
Susanne Siegert warnt jedoch vor dem Schwingen mit „der Nazikeule“ in aktuellen Debatten, auch wenn teils „Warnsignale“ durchaus wahrnehmbar seien. In ihrem Buch schreibt sie, dass das Gedenken an Nazi-Verbrechen keiner „Daseinsberechtigung“ bedürfe. Opfer der Nazis sollten nicht zu abstrakten Konzepten im Kampf gegen Rechts werden. Dürfen dann überhaupt noch anlassbezogene Parallelen gezogen werden?
Wir müssen mehr über Nazi-Verbrechen wissen
„Natürlich kann man daraus lernen, aber ich glaube, dass man sehr viel vorsichtiger damit umgehen muss“, sagt Siegert im Interview. „Man sollte sich nicht zu sehr in der Hoffnung ausruhen, dass wenn wir alle mehr über Nazi-Verbrechen wissen, wir dann eine demokratischere Gesellschaft werden“, sagt sie.
Aufklärung über die NS-Zeit
„Trotzdem hat Aufklärung über die NS-Zeit auf jeden Fall eine Daseinsberechtigung und ich glaube, wenn man versteht, dass unser Land so ist, wie es ist, wegen dieser Verbrechen, dann versteht man auch viel besser politische Abläufe, aber auch familiäre Beziehungen. Ich glaube, dann fragt man auch nicht mehr nach dieser Daseinsberechtigung, sondern versteht diesen Teil der Geschichte als Teil der eigenen Gegenwart und als Teil der eigenen Zukunft.“
Gelungene Gedenkarbeit fände vor allem im Privatem statt, sagt Siegert. Anderen Menschen, die selbst aktiv in der Gedenkarbeit werden möchten, rät sie, Online-Archive, wie die Arolsen Archives, die Siegert auch selbst viel nutzt, auszuprobieren. „Dort kann man wie bei Google in der Suchleiste seinen eigenen Heimatort eingeben und bekommt dann Originaldokumente angezeigt und kann sich so ein bisschen an das Thema annähern und es in der eigenen Lebenswelt verorten“, sagt Siegert. Auch Recherchen zur eigenen Familie, zum Beispiel mit Anfragen beim Bundesarchiv, seien ein guter Anfang.
Erinnerungsarbeit beginnt oft mit privater Recherche
In Erfurt hatte Siegert Mitte November eine Lesung am Erinnerungsort Topf & Söhne. Dort war sie vorher eingeladen worden, sich vor Ort zusammen mit den Mitarbeitenden alles anzuschauen. „Das war eine total interessante Erfahrung, wo ich einfach viel mitnehmen kann, für mich persönlich, aber auch für meine Arbeit“, sagt Siegert.
Februar 2026 wird sie in Jena und Nordhausen lesen
Susanne Siegert kommt mit ihrem Buch im kommenden Jahr wieder nach Thüringen. Im Februar 2026 wird sie in Altenburg, Jena und Nordhausen lesen. Im Mai ist sie in Weimar im Museum Zwangsarbeit im Nationalsozialismus der Gedenkstätte Buchenwald und im Juli 2026 in Gera zu Gast
