Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei – oder doch zwei Anfänge? In diesem Interview dreht sich alles um die Wurst. Ein Gespräch mit dem Geschäftsführer des 1. Deutschen Bratwurstmuseums in Mühlhausen, Thomas Mäuer, über das Wurstival am kommenden Wochenende, Thüringer Identität und die Kunst, beim Wurststreit trotzdem Freunde zu bleiben.
Zum Einstieg eine etwas philosophische Frage: Man sagt ja, alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Würdest du sagen, sie hat zwei Enden – oder zwei Anfänge?
Martin Kohlstedt: Ich bin da immer positiv unterwegs – also hat sie natürlich zwei Anfänge! Man kann ja von links anbeißen oder von rechts. Man fängt jedes Mal neu an – das ist doch was Schönes.

Kay Wipprecht, der gastronomische Leiter des Bratwurstmuseums, und seine Kollegen freuen sich auf das Wurst-Festival. Fotos: bratwurstmuseum.de
Neulich hat eine Social-Media-Plattform die „seltsamsten Museen Deutschlands“ gekürt – und das Bratwurstmuseum war unter den Top 18. Wie fühlt sich so eine Ehrung an?
Da fühl ich mich im wahrsten Sinne des Wortes geehrt. „Seltsam“ interpretiere ich einfach ein bisschen anders als andere – und das passt auch. Wir sind im Kern eine volkskundliche Ausstellung, die das Thema mit Ernsthaftigkeit behandelt, aber eben immer mit einem großen Augenzwinkern. Es ist ein Angebot für Familien, Kinder, Jugendliche – und wir selbst haben dabei jede Menge Spaß.
Neben euch wurde auch das Thüringer Kloßmuseum ausgezeichnet. Offenbar wird Thüringen also als kulinarisches Bundesland wahrgenommen. Feiern die Thüringer ihre Küche mehr als andere?
Ich weiß nicht, ob mehr, aber sie tun’s mit Leidenschaft. Natürlich gibt’s überall kulinarische Museen – Schinkenmuseen, Brotmuseen, Käsemuseen – aber in Thüringen stehen Bratwurst und Kloß einfach exemplarisch für das ganze Land. Die Thüringer Bratwurst ist wohl die bekannteste deutsche Spezialität, und der Thüringer Kloß hat ebenfalls überregionale Berühmtheit. Das darf man ruhig mit Stolz sehen.
Spürt ihr diese Begeisterung auch bei euren Besucherinnen und Besuchern – ob nun Thüringer oder Gäste aus anderen Bundesländern?
Auf jeden Fall! Für die Thüringer ist die Bratwurst mehr als Essen – sie ist Lebensart, Herzenssache, Kulturgut. Und klar, es wird auch leidenschaftlich gestritten: Majoran ja oder nein, Kümmel ja oder nein – die Geschmäcker sind so vielfältig wie das Land. Bei einem Punkt sind sich aber alle einig: Ketchup hat auf der Bratwurst nichts verloren. Und wenn an einem Bratwurststand außerhalb Thüringens „Thüringer Bratwurst“ steht, wird der sofort skeptisch beäugt. Ich würde sogar sagen: Die Bratwurst stiftet ein Stück Identität.
Und das Schöne ist ja: Man kann sich darüber wunderbar streiten – aber es bleibt immer sympathisch, oder?Absolut. Das Thema Bratwurst ist nie bierernst. Es geht immer mit Humor, mit einem Augenzwinkern. Ich wünschte mir manchmal, manch andere Themen würden auch so locker behandelt. Ein ehemaliger Wirtschaftsminister hat mal gesagt, Thüringen müsse „weg vom Bratwurst-Image“. Völliger Quatsch! Das wäre, als würde Bordeaux sagen: „Besuchen Sie uns, aber bitte bringen Sie uns nicht mit Rotwein in Verbindung.“ Thüringen wird nun mal oft über seine kulinarischen Spezialitäten wahrgenommen – und das ist doch wunderbar.

So sieht er aus, der Thüringer Dancefloor – wenn die KI einmal richtig durchdreht: Klöße, Bratwurst und Laserregen. Foto: KI
Jetzt steht das dritte Wurstival bevor. Der Name ist herrlich – wie kamt ihr darauf?
Wir müssen ja kreativ sein – schließlich sind wir keine öffentlich geförderte Einrichtung. Wurstival ist einfach die perfekte Mischung aus „Wurst“ und „Festival“. Es drückt genau das aus, was wir hier machen: Tradition trifft auf Moderne. Es gibt unser klassisches Schlachtfest, aber auch den dritten Europäischen Leberwurstkongress. Und natürlich geht’s vor allem um Spaß – für uns und unsere Gäste. Dieses Jahr kommen übrigens auch Gäste aus anderen Regionen, zum Beispiel Ulla Kramer aus der Pfalz – die Königin des Saumagens, sozusagen.
Klingt großartig! Ist das euer größtes Fest im Jahr oder habt ihr noch andere Highlights?
Unsere großen drei sind das Museumsfest mit dem Bratwurst-Song-Contest – da haben sich fürs nächste Jahr schon sechs Teilnehmende angemeldet –, dann natürlich das Wurstival selbst und unser Bratwurst-Weihnachtsmarkt. Und nicht zu vergessen: das Bratwurst-Theater. Das sind unsere Flaggschiffe, wenn man so will.
Beim Wurstival gibt’s ja das „Schlachtfest mit Musik“. Wie muss man sich das vorstellen?
Ganz einfach: gute Musik, gutes Essen, gute Laune. Wir haben Covermusik und eigene Songs und nicht nur so Rum-ta-ta oder Schlager – in diesem Jahr tritt zum Beispiel Bobby Glitzer auf, der Name ist Programm. Der Samstag ist übrigens schon ausgebucht, Freitag gibt’s noch Plätze. Und natürlich gibt’s alles, was das Thüringer Herz begehrt – alles was auf eine Schlachtplatte gehört: frische Bratwürste, Leberwurst, Blutwurst, Streichwurst, Wellfleisch – und das traditionelle Wurstsingen mit einem Schnäpschen hinterher.
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Was genau passiert beim Wurstsingen?
Da singt der ganze Saal alte Thüringer Schlachtfest-Lieder – und am Ende bekommt jeder ein kleines Verdauungsschnäpschen. Ganz klassisch.
Natürlich Thüringer Schnaps?
Selbstverständlich! Momentan ein Kräuter aus Nordhausen, aber wir wechseln gern mal. Wir hatten natürlich auch schon Aro – Hauptsache, es bleibt im Thüringen-Kontext. Auch beim Bier, beim Wasser – alles aus der Region.
Du hast vorhin schon Ulla Kramer aus der Pfalz erwähnt. Sie macht beim Wurstival einen Saumagen-Workshop. Wie kam’s dazu?
Wir schauen gern über den Tellerrand. Bei jedem unserer Feste gibt’s eine „Gastbratwurst“ aus einer anderen Region – mal die Nürnberger, mal die St. Galler aus der Schweiz. Diesmal also die Pfalz mit Ulla Kramer. Sie zeigt, wie man den traditionellen Saumagen zubereitet – und das ist gleich doppelt spannend: für die Besucher, die sehen, wie andere Regionen ihre Spezialitäten feiern, und für uns, weil wir selbst immer Neues lernen.
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Und Ulla Kramer gilt als Saumagen-Expertin, oder?
Nach eigener Aussage macht sie die besten weit und breit – und wir glauben ihr das sofort (lacht).
Ein weiteres Highlight ist die große Schinkenverkostung mit Fleischsommelier Rainer Reutzel. Wer ist das und wie kam es zur Zusammenarbeit?
Rainer ist ein leidenschaftlicher Fleischermeister aus Hessen. Wir haben ihn bei einer riesigen Bratwurst-Aktion kennengelernt. Leider muss er diesmal passen, er bekommt ein neues Knie. Sehr schade, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Wir holen das definitiv nach – vielleicht im Frühjahr.
Klingt, als hättet ihr inzwischen ein beachtliches Netzwerk aufgebaut. Wie kommt das?
Zum einen, weil wir das Ganze schon lange machen – und zum anderen, weil wir einfach mit Leidenschaft dabei sind. Wenn man Spaß hat an dem, was man tut, springt der Funke eben über.
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Dann bleibt noch der berühmte Leberwurst-Kongress. Wie läuft der ab und wie viele Würste werden da verkostet?
Letztes Jahr waren’s 17 Proben – dieses Jahr wissen wir’s noch nicht genau. Sicher ist aber: Es kommen zwei Teilnehmer aus der Pfalz, dazu ein Metzgermeister aus der Schweiz mit einer warmen Schweizer Leberwurst, und aus dem Thüringer Wald gibt’s eine Wildschwein-Preiselbeer-Leberwurst. Das wird also richtig spannend.
Und darf das Publikum auch mitprobieren?
Natürlich! Die Gäste können alle Leberwürste probieren, ihre Favoriten bewerten – und nehmen damit automatisch an einer Verlosung teil. Es gibt auch richtig nette Preise.
Was war die verrückteste Leberwurst, die teilgenommen hat?
Ich bin traditionell veranlagt. Es wird allesmögliche verwurstet, im wahrsten Sinn des Wortes (lacht). Schnittlauch, Sahne, alle möglichen Früchte … und was es nicht alles gibt. Ich bin Lokalpatriot und finde die Thüringer Leberwurst natürlich super. Aber ich will ehrlich sein: die Pfälzer Leberwurst ist schon was ganz Besonderes.
Abschlussfrage: Denkst du manchmal, wenn es wieder zu viel wird: Ist mir doch Wurst?
Nicht wenn es um das Thema geht (lacht).
Hard Facts:
- Das 3. Wurstival am Bratwurstmuseum: 7 bis 9. November in Mühlhausen
- Thüringer Schlachtfest mit Musik im Wursthaus – 7. Novemeber (ausgebucht) und 8. November jeweils ab 19 Uhr
- Saumagen – Workshop mit Ulla Kramer aus der Pfalz – 8. November um 11 Uhr
- 3. Leberwurstkongress im Wursthaus – 9. November
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