Wenn sich Death Metal-Fans im Hochsommer auf den Weg nach Thüringen machen, ist eines gewiss: „Chaos bricht herein“ – buchstäblich. Denn genau so nennt sich das Underground-Festival, das vom 17. bis 19. Juli 2025 zum neunten Mal im idyllischen Ferienland Crispendorf stattfindet. Der Name „Chaos Descends“ ist einem Musikstück entlehnt, doch das, was sich dahinter verbirgt, ist handfeste Realität: Drei Tage Black, Death, Doom, Thrash und was das düstere Herz sonst noch begehrt – dort, wo sonst Kinderferienfreizeiten mit Parkeisenbahn, Tischtennis und Stockbrotromantik locken. Das Kindercamp wird zur Kultstätte.
„Chaos Descends“ im Ferienland Crispendorf
Wie das „Chaos Descends“-Team mitteilt, wird das Festivalgelände im Saale-Orla-Kreis für ein Wochenende im Juli einmal mehr zum „Vorhof der Hölle“. So steht es auf der offiziellen Website – ein ironisches Understatement, wenn man bedenkt, dass hier sonst Schulklassen und Familien auf der Suche nach Naturidylle ein- und auschecken. Das Ferienland-Team beschreibt seine Anlage nämlich als „ideal für Aktivitäten von Vereinen, Verbänden und auch für Musikkapellen“, mit „günstigen und fairen Preisen“ – zwischen Fußballplatz, Campingplatz und Parkeisenbahn.
Schluss mit Ponyhof, hallo Untergang!
Doch an diesem Wochenende ist alles anders. Schluss mit Ponyhof. Hallo Untergang. Unter dem Motto „#hellspleasure“ wird aus dem Ferienparadies ein höllisches Klanggewitter. Was die Besucher:innen erwartet? Ein fein kuratiertes Line-up aus internationalen Szenekünstler:innen: So etwa die brasilianische Black-Metal-Legende „Impurity“, die niederländischen Dissonanz-Artrocker „Radar Men from the Moon“ oder die Deathgrind-Veteranen „Repulsion“, die exklusiv für dieses Event nach Deutschland kommen.
Den Auftakt am Donnerstag gestalten unter anderem „Vole“, ein Noise-Punk-Trio aus Prag sowie „Chaos Invocation“, die stilecht am Abend im ehemaligen Schwimmbad spielen. Ja, richtig gelesen: Das Festival nutzt auch die alten DDR-Bauten des Geländes – inklusive leerem Pool als Bühne. Das Programm zieht sich bis spät in die Nacht, mit Aftershow-Partys im Festzelt – unter anderem mit DJ „Nameless Void“ oder dem ominösen DJ „Heavy and Hard“.
Wo sonst Kinder zelten, tobt bei Schleiz der Metal
Der musikalische Fokus liegt klar auf den härteren Gangarten: Death Metal, Black Metal, Speed Metal, Doom, aber auch Psychedelic Rock, Post Punk und Noise-Experimente. Wie das Festivalteam auf Instagram mitteilt, ist darunter auch „Girlschool“, die dienstälteste Frauen-Hardrockband Großbritanniens am Start – ein weiteres Highlight des diesjährigen Programms.

Chaos Descends Metal Festival. 21-22.7.2017. Crispendorf/Thüringen. 18 Bands. Mehr als tausend Gäste feiern das Leben.
Dabei bleibt das Festival seinen Wurzeln treu: Bereits 2015 aus dem legendären „Hell’s Pleasure Metalfest“ hervorgegangen, setzt „Chaos Descends“ auf bewusst unkommerzielle DIY-Atmosphäre. „Keine Kartenzahlung, kein Glas, kein Bullshit“, heißt es in den FAQs. Müllvermeidung wird ernst genommen, ebenso wie Sicherheitsmaßnahmen und klare Regeln gegen Übergriffe – mit einem deutlichen Statement: „Zero Tolerance für Idioten.“
Kinderferienland wird Metal-Zone – für drei Tage
Auch der Campingplatz öffnet ab Donnerstag, 14 Uhr. Für 15 Euro pro Person gibt’s fließendes Wasser, Toiletten – und den einen oder anderen Grillplatz sowie Tischtennisplatten inklusive. Tagsüber lädt ein Flohmarkt zum Stöbern ein: Alte Bandshirts, Lederjacken, Vinyl – Hauptsache, es ist nicht kommerziell. Das Ganze: Selbst organisiert, mit Decke und Respekt.
Abseits der Musik bietet „Chaos Descends“ seinen Gästen eine fast meditative Festivalerfahrung: Kein Handyempfang, dafür Natur pur, Nachtgeräusche, Gespräche bei veganem Essen. Der Veranstaltungsort – ein ehemaliges DDR-Ferienheim mitten im Wisentatal – wird dabei nicht als Kuriosum versteckt, sondern aktiv ins in das Festival-Narrativ eingebaut. Die Veranstalter spielen bewusst mit dem Kontrast zwischen düsterer Klangkunst und heiler Ferienwelt: Wo sonst Kinderlagerfeuer brennen, regiert an diesem Wochenende der Metalbeat.
Deathgrind trifft Dissonanz: Festivalstart bei Schleiz
Ironie ist dabei gewollt: Der Kontrast zwischen „Corpsepaint“, der düsteren Gesichtsbemalung der Black-Metal-Kultur und Kinderschminken im Jugendcamp, zwischen Lederwesten und Lagerfeuer, zwischen Death Metal und Dampfzug – darin liegt der Charme dieses besonderen Festivals. Es ist ein liebevoll gepflegter Bruch mit der Erwartung – und ein Fest für Szene-Connaisseurs, die lieber in den Wald fahren als zum nächsten Stadionevent.
Und auch, wenn der Death Metal inhaltlich von Tod, Verfall, Okkultismus oder Nihilismus handelt – die Besucher:innen von „Chaos Descends“ zeigen sich regelmäßig von einer anderen Seite: hilfsbereit, solidarisch, gut organisiert. Laut Festivalteam soll sich auch 2025 wieder gegenseitig bei der Anreise geholfen werden – etwa über Fahrgemeinschaften via Facebook-Eventseite. Hunde? Lieber nicht – „zum Schutz der Tiere und der Besucher:innen“, so das Team.
Chaos bricht herein – mitten im Kinder-Ferienidyll
Wer noch einsteigen will, sollte sich sputen. Obwohl das Festival überschaubar bleibt – 1.000 bis 1.500 Besuchende sind die Richtgröße – ist der Campingplatz erfahrungsgemäß schnell voll. Also: Bandshirt einpacken, Zelt sichern – und vielleicht einen Blick auf den Fahrplan der Parkeisenbahn werfen. Denn am dritten Juliwochenende heißt es dann wieder: Chaos bricht herein – mitten im Kinder-Ferienidyll.
Hard Facts:
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