Mit dem Ausdruck „Unterwegs sein“ kennt sich Soffie nach ihrem starken Live-Jahr 2024 sehr gut aus. Deshalb geht es auch in 2025 genau so weiter. Die 25-jährige Künstlerin, die durch ihren Hit „Für immer Frühling“ praktisch über Nacht zum Sternchen am Deutschen Indie Himmel wurde, ist auch im Frühjahr 2025 live unterwegs.
Indie-Newcomerin Soffie auf Tour-Stopp in Erfurt
Auf ihrer „Unterwegs“-Tour macht Soffie und ihre Band am kommenden Wochenende in Erfurt in der Engelsburg Halt. Wir sprachen mit der Newcomerin über ihr politisches Engagement, neue Musik und natürlich den Frühling.
Erzähl mal, wo sitzt du gerade eigentlich Soffie?
Ich sitze gerade auf dem Balkon in meiner WG in Mannheim.
Wie fühlt sich das an – der Frühling kommt, die Sonne scheint. Was macht das mit dir?
Ich bekomme richtig Glücksgefühle. Es ist so schön, wieder draußen zu sein, ohne das Gefühl zu haben, dass man sofort erfriert. Unser Balkon ist so ein bisschen das alternative Wohnzimmer – wir haben keinen klassischen Gemeinschaftsraum, nur diesen riesigen Balkon. Den kann man eben nur nutzen, wenn es wärmer ist. Deshalb freu ich mich gerade einfach riesig über die Sonne.
Warum passt der Frühling als Metapher so gut zu deinem Song?
Der Frühling steht für Aufbruch. Das lernt man ja auch recht früh so in der Schule, wenn man über Jahreszeiten spricht. Jede Jahreszeit lässt sich irgendwie aufs Leben übertragen und ich finde der Frühling hat eine ganz revolutionäre Stimmung: Alles blüht auf, man kommt aus diesem kalten und grauen Winter raus und spürt plötzlich wieder, wie schön das Leben sein kann. Zum Beispiel, wenn man Gräser riecht und die Vögel hört, das ist super schön.
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„Für immer Frühling“ ist der Song, mit dem du alle abgeholt hast. Wie war das für dich?
Das war absolut ungeplant. Ich glaube, so etwas kann man nicht planen – zumindest nicht in diesem Ausmaß. Ich saß einfach am Klavier, hab mein Handy aufgestellt und reingesungen. Ohne groß darüber nachzudenken. Dann hab ich’s auf TikTok und Instagram gepostet, ohne zu erwarten, dass es jemanden interessiert.
Als Newcomerin gewöhnt man sich sehr schnell daran, auf Social Media ignoriert zu werden. Man lehnt sich dann ein bisschen zurück in der Anonymität. Als dieses Video dann plötzlich doch deutlich mehr Menschen gesehen haben als die anderen Videos vorher, habe ich mich erstmal total unvorbereitet gefühlt.
Wie fühlt es sich an, viral zu gehen?
Wie eine Achterbahn. Anfangs war ich einfach nur richtig ekstatisch und auf einem Höhenflug. Das war wie, wenn man frisch verliebt ist und Adrenalin und Endorphine im Körper hat, die alles ein bisschen neblig gemacht haben.
Ich muss auch ehrlich sagen, wenn ich zurückblicke in diese Zeit, da ist alles so ein bisschen verschwommen (lacht). Wie ein Blackout. Aber es ist auch wahnsinnig schön. Es ist etwas richtig, richtig tolles für mich zu sehen, dass Worte, die ich geschrieben habe, doch irgendwo einige Menschen berührt haben.
Ich habe auch ganz viele Nachrichten bekommen und hab mir dadurch auch ein bisschen ein Bild machen können, was genau diese Worte für viele Menschen bedeuten. Das war etwas, was ich nicht kannte und mir niemals hätte vorstellen können, dass es mir so in diesem Ausmaß passiert.
Gibt es eine Rückmeldung, die dir besonders im Kopf geblieben ist?
Es waren viele bewegende Geschichten dabei. Vor kurzem hat jemand kommentiert, dass der Song auf der Beerdigung der eigenen Tochter lief, das war hart. Ein Rettungssanitäter schrieb mir, dass er eine Posttraumatische Belastungsstörung hat und das der Song ihm da gerade ein bisschen heraushilft.
Bei einem Konzert kam jemand zu mir und erzählte, dass seine Freundin eine Essstörung hatte und dass sie „Frühling“ jeden Morgen gehört hat, als Teil ihrer Routine, die diese Essstörung ein kleines bisschen kontrollierbarer gemacht hat. Das sind ganz viele Lebenseindrücke von Menschen, die ich gar nicht kenne, in denen ich irgendwas verändere. Das ist wahnsinnig cool für mich.
Kaum vorstellbar, dass Worte so viel auslösen können, oder?
Ja, total. Eine Person hat mir sogar geschrieben, dass sie wegen mir politisch aktiv geworden ist – ich nenne jetzt nicht die Partei, aber es war definitiv keine Rechte (lacht). Das ist das Beste, was passieren kann.
Jetzt reden wir schon die ganze Zeit über „Für immer Frühling“. Ist der Song eigentlich auch im Frühling entstanden?
Tatsächlich war es tiefster Winter (lacht). Vielleicht war das auch einer der Gründe, warum er entstanden ist. Zwischen Weihnachten und Silvester war ich bei meinem Papa auf Heimatbesuch.
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Ich saß im Abstellraum im Keller, weil da gerade das Klavier steht. Es ist eigentlich ein relativ trostloser Raum, der auch wahnsinnig kalt ist. Ich weiß noch, wie ich dort eingepackt in meine Jacken saß und einfach ein bisschen Musik machen wollte. Ich habe an nichts anderes denken können, außer wie kalt mir ist und dass ich mir irgendwie wünschen würde, dass nicht mehr Winter ist. Das war wahrscheinlich der ursprüngliche Initiator dahinter: über eine Jahreszeit zu schreiben und das mir einfach physisch kalt war (lacht).
Vielleicht können sich auch deswegen so viele Menschen damit identifizieren. Nach einem harten Winter freuen sich natürlich alle auf den Frühling.
Ja, genau. Einfach dieses aufatmen. Es tut endlich nicht mehr draußen zu sein.
Gab es auch negative Rückmeldungen? Gerade wenn ein Song politische genutzt wird, wird’s online schnell laut.
Total. Ich habe wahnsinnig viele Hass -und Drohkommentare bekommen. Das Lied hat auf jeden Fall polarisiert, was mich total überrascht hat – ich finde dieses Lied wahnsinnig zahm und versöhnlich. Am Anfang wusste ich überhaupt nicht, wie ich damit umgehen soll, dass mich auf einmal Drohungen erreichen von Leuten, die ich gar nicht kenne. Auch die Hasskommentare, die dann irgendwann umgeschwungen sind, um mich persönlich zu verletzen oder anzugreifen. Es ging um meinen Körper und mein Aussehen, also Dinge, die gar nichts mit meiner Kunst zu tun haben, einfach nur um mich zu verletzen. Das hat mich überfordert, weil ich das überhaupt nicht kommen sehen hab.
Eine Zeit lang hatte ich echt zu knabbern. Man kann sich ja nicht aussuchen, sich nur die positiven Kommentare zu Herzen zu nehmen. Entweder lese ich beides und alles kommt zu gewissen Stücken in meiner Seele an oder ich lese es mir gar nicht durch. Bei mir war es eher ersteres und das macht natürlich etwas mit einem, wenn man das so oft dieselben Dinge gesagt bekommt. Letzten Spätsommer war deshalb auf jeden Fall ordentlich was los. Ich hatte so eine gute Übung für meinen Selbstwert.
Hast du dir inzwischen ein Schutzschild zugelegt? So eins, das du je nach Kommentar an- und ausschalten kannst?
Ich kenne das erst seit einem Jahr. Ich hoffe, irgendwann kann ich mich da komplett rausnehmen. Ich habe mal in einem Ausschnitt aus Bill Kaulitz‘ Netflix-Serie gesehen, wo er erzählt, was er davon hält, wenn Leute negativ über ihn schreiben. Das hat mich irgendwie inspiriert, mich selbst auch ein bisschen rauszunehmen. Mir hilft’s total, einfach weniger auf Social Media zu sein. Man ist ja nicht gezwungen, sich das alles durchzulesen, wenn man keinen Bock darauf hat.
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Als Musiker:in musst du viel in den Sozialen Medien stattfinden, oder?
Ja, das ist auf jeden Fall eine große Herausforderung. Mittlerweile habe ich eine Routine: Nach dem Posten kann ich die ersten 30 Minuten noch unbesorgt in die Kommentare schauen, weil die dann meistens sehr nett sind. Die schlimmeren Kommentare kommen dann immer erst nach und nach reingetröpfelt. Aktuell ist es aber ruhiger geworden und ich habe das Gefühl ich bin ein bisschen weniger unter Beschuss.
In der Ankündigung zu deiner neuen EP, die du auf der Tour vorstellst, heißt es, du seist eine politische Liedermacherin. Was sagst du dazu?
Zu einem gewissen Grad bin ich das natürlich – die meisten kennen mich eben durch ein politisch aufgeladenes Lied. Ich bin so viel mehr als nur die Frau, die den Frühlings-Song geschrieben hat. Ich möchte so viel mehr sein als das. Meine anderen Lieder sind nicht explizit politisch und ich möchte mich selbst nicht in so eine Schublade reinkategorisieren.
Texte schreiben über Themen, die mich in diesem Moment bewegen. Im letzten Winter war das nun mal die Kälte in meinem Keller und vielleicht auch in der Gesellschaft. Jetzt ist es vielleicht eher ein zwischenmenschliches Thema, was mich mehr beschäftigt. Ich will mir das offenhalten.
Findet sich das auch auf deiner EP wieder? Was beschäftigt dich dort?
Ja, auf jeden Fall. Der Titeltrack „unterwegs“ etwa greift genau diesen Struggle auf – wie es ist, mit Hate im Netz umzugehen und ständig bewertet zu werden. Es beschreibt ein bisschen meine Reise damit umzugehen. Dieses Spannungsverhältnis zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung ist gerade ein sehr präsentes Thema in meinem Leben.
Aber es gibt auch andere Songs: eine klassische, dramatische Liebesballade – ich liebe es, mich da emotional reinzusteigern (lacht). In den anderen Liedern geht es um Aufbruchsstimmung, Tatendrang und Lebensfreude. Selbst wenn es mal Rückschläge gibt oder Menschen schwierig sind – es gibt immer etwas, für das es sich zu kämpfen lohnt.
Also ist Musik für dich so eine Art Kur gegen all das Negative, das einem entgegenschlägt – gerade in Deutschland, wo vieles auch sehr öffentlich ausgetragen wird?
Auf jeden Fall. Ich glaube, da schließe ich mich der der breiten Masse an Musiker:innen an. Ich denke die meisten, die Musik machen, betrachten es als so viel mehr als nur einen Job. Das ist mein Leben. Das ist alles, was ich bin. Jede Emotion, die ich habe, die ich fühle, bei der ich nicht weiß wohin damit, kann mir die Musik ein bisschen abnehmen und tragen helfen. Das ist ein riesiges Privileg, das ich habe und ausleben darf.
Hard Facts:
- Soffie in Erfurt:
- 3. Mai | 20 Uhr
- Kulturzentrum Engelsburg | Allerheiligenstraße 20
- Mehr zum Konzert: www.engelsburg.club | www.soffiemusic.com
