Ich war ziemlich alleine, als ich angefangen habe zu tanzen. Für das, was ich machen wollte, gab’s hier einfach keine Gruppe.“ Wenn Mos heute in den Spiegel des Trainingsraums im Stadtteilzentrum (STZ) Herrenberg schaut, sieht er mehr als nur Tänzer:innen, die sich zu Beats bewegen. Er sieht, was ihm selbst damals gefehlt hat: eine Community. Einen Ort für urbane Tanzstile wie Freestyle-Hip-Hop, House oder Waving – für junge Menschen, die durch Tanz wachsen wollen.
Effort’99: Gemeinschaft durch Tanz in Erfurt
Mos sieht, was er seit 2023 mit aufgebaut hat: Effort’99, eine offene Hip Hop-Community in Erfurt. Der Name „Effort’99“ steht für das, was die Gruppe antreibt: „Effort“ bedeutet Aufwand oder Anstrengung und davon braucht es einiges, wenn man sich im Tanz weiterentwickeln will.
Urbane Tanzkultur zu fördern
Die „99“ ist ein Verweis auf die Postleitzahl von Erfurt – ein Symbol dafür, dass urbane Tanzkultur auch in Ostdeutschland ihren Platz hat. Das war auch schon vor 30 Jahren so. „Es gab eine große Breakdance-Szene hier im Herrenberg”, erklärt Mos. „Aber Freestyle-Hip-Hop gab es noch nicht so richtig. Genau dafür ist Effort’99 da – um diese urbane Tanzkultur zu fördern.”
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Er spricht von der Breakdance-Gruppe der 90er- und 00er-Jahre, die damals im selben Gebäude trainierte. Es hieß Jugendhaus „Urne“, und die Tänzer:innen nannten sich „Nasty Stylistix“. Hip-Hop und seine Elemente wie Graffiti, Rap oder Tanz haben sich von Beginn an dort angesiedelt, wo es soziale Spannungen gibt. Hip-Hop dient gerade Jugendlichen als kreative Ausdrucksform, um ihre Lebensrealität (öffentlich) sichtbar zu machen und gesellschaftliche Missstände zu thematisieren.
Von der Urne zu Effort’99: Erfurts Tanzgeschichte
Der Erfurter Herrenberg war in den 90er-Jahren ein solcher Ort sozialer Spannungen. Das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft beschreibt die Lage so: „In den 1990er- und 2000er-Jahren zogen viele Anwohner:innen fort, mit den Jahren verschwanden die Freizeitangebote und das gesellschaftliche Miteinander kam zum Erliegen.“ Auch das Jugendhaus „Urne“ musste 2010 schließen. Die Tänzer:innen suchten sich neue Orte – die „Nasty Stylistix“ gibt es immerhin noch heute.
Erfurts Jugend findet Ausdruck im Freestyle-Tanz
Mit der Wiedereröffnung des Hauses als Stadtteilzentrum Herrenberg 2014 kamen neue Tänzer:innen und neue Tanzrichtungen. „Waving, Popping, Locking – gefühlt jeden Stil haben wir jetzt vertreten“, sagt Mareike. Die 19-Jährige entdeckte Hip-Hop über einen Workshop von Mos. Zuvor war sie Balletttänzerin und fand im Hip-Hop den Freiraum, den sie vermisst hatte.
„Ballet und Hip-Hop sind etwas komplett Unterschiedliches. Ich dachte immer: Tanzen, das ist meine Passion, aber ich habe erst gemerkt, was richtige Leidenschaft ist, als ich im STZ (Red.: Stadtteilzentrum) getanzt habe. Ich hab’ in der Tanzschule immer das nachgetanzt, was mir vorgetanzt wurde und es gab nicht den Raum, sich selbst zu entfalten. Das lernte ich hier.”
Tanz als Weg zur Selbstentdeckung
Eine, die durch Freestyle nicht nur tanzen, sondern sich selbst neu kennenlernen konnte, ist Emi. Sie kam vor drei Jahren zu Effort’99. „In meinen Augen ist Freestyle mehr als nur Tanzen. Es geht auch darum, seinen eigenen Charakter auszuleben und weiterzuentwickeln“, sagt sie. Heute gibt sie selbst Workshops und spricht mit leuchtenden Augen über das, was sich für sie veränderte: „Ich weiß, wie ich am Anfang war, wie ich jetzt bin. Es ist nicht nur der Spaß am Tanzen, man entwickelt sich persönlich so krass weiter.“
Viele urbane Tanzstile
Zum Freestyle-Hip-Hop gehören viele urbane Tanzstile. Mal wirkt es, als würde eine Welle durch den Körper fließen – das ist Waving. Mal bewegen sich Arme, Beine oder Schultern roboterartig und isoliert voneinander: Popping. Oder die Tanzenden gleiten mit schnellen Schritten scheinbar schwerelos über den Boden – das ist House.
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Jeder Stil bringt seine eigene Sprache mit …
Ob fließend, ruckartig oder rhythmisch, jeder Stil bringt seine eigene Sprache mit.. „Die einzelnen Tanzstile unterscheiden sich sehr voneinander in ihrer Geschichte, Technik und Musik. Und das ist es, was uns ausmacht. Diese Individualität, dass jeder sein eigenes Ding macht, wir aber trotzdem zusammenkommen und zusammen trainieren”, sagt Mos. Alle haben den Raum, sie selbst zu sein. Gleichzeitig unterstützen sich die jungen Menschen von Effort’99 beim Lernen neuer Schritte und Techniken.
„Jede:r lehre eine:n“
Trainiert wird dienstags und donnerstags – offen, ohne Trainer:in. Aktuell kommen rund 20 aktive Tänzer:innen regelmäßig zum Training. Einige stehen ganz am Anfang, andere sind schon seit Jahren dabei. Wer zu wenig Platz zu Hause hat, kommt vorbei. Wer etwas lernen will, fragt die anderen. „Each one teach one“, nennt sich dieses Prinzip. Zu Deutsch: „Jede:r lehre eine:n.“ Ein Sprichwort, das die Verantwortung betrifft, Wissen und Fähigkeiten an andere weiterzugeben, um die Gemeinschaft zu stärken.
Hip-Hop-Workshops fördern Talente in Erfurt
Wer sich langsam herantasten will, kann bei einem der regelmäßig stattfindenden Workshops einsteigen. Hier bringen erfahrene Tänzer:innen wie Emi oder Mareike Einsteiger:innen grundlegende Techniken bei. „Das ist was Neues, du musst dich öffnen und du musst einfach tanzen”, erzählt Mareike. „Gerade die Jüngeren, die aus Tanzschulen kommen, haben immer das nachgetanzt, was ihnen vorgezeigt wurde. Deshalb ist es wichtig, sie mit einem Workshop-Konzept an den Freestyle heranzuführen.” Für ihre weiterführenden Workshops in den verschiedenen Tanzstilen lädt die Crew auch erfahrene Tänzer:innen aus anderen Städten nach Erfurt ein. Die jungen Menschen bei Effort’99 legen großen Wert darauf, Wissen und Fähigkeiten miteinander zu teilen und sich auch miteinander zu messen.
Wie in jedem guten Tanzfilm, gibt es auch in der Erfurter Hip-Hop-Community Tanz-Battles. Hier treten Tänzer:innen oder Crews gegeneinander an und am Ende wird eine:r zur Gewinner:in gekürt. Solche Battles sind ebenfalls Teil der Szene und auch Effort’99 organisiert sie. Am 15. November steht in Erfurt das nächste Battle-Event an.
Battle-Events sind Teil der Szene
Während Battles auf Wettbewerb setzen, geht es bei Jams um Miteinander, Inspiration und kollektive Energie. DJs legen auf, Tänzer:innen kommen in einem Kreis zusammen, einer sogenannten “Cypher”, genau wie beim Rap. Die Tänzer:innen treten nacheinander einzeln in die Kreismitte und zeigen, was sie können. Die anderen Tänzer:innen am Rand feuern an. Machen Stimmung. Es geht darum, sich zu pushen, nicht zu konkurrieren.
Regelmäßige Jams in ganz Deutschland
„Jams sind dafür da, um sich miteinander auszutauschen, auch andere Menschen kennenzulernen und von ihnen zu lernen“, so Mos. Dadurch entwickle man sich selbst weiter, ergänze Emi: „Gerade im Freestyle beim Cyphern – da erst einmal diese Überwindung zu schaffen, in den Kreis zu gehen, wo dich alle anschauen und du dich selber zeigen sollst. Das hat bei mir ewig gedauert, jetzt ist es gar kein Problem mehr. Früher war ich richtig schüchtern, hab mich nicht viel getraut … Und jetzt ist es ganz anders.” Da Effort’99 die einzige größere Gruppe dieser Art in Thüringen ist, reist sie regelmäßig zu Jams in ganz Deutschland – nach Leipzig, Dresden, Frankfurt, Berlin, Nürnberg oder Köln.
Und dann gibt es noch die Partys. Hier kommen auch die Freund:innen der Tänzer:innen und feiern zusammen. Egal, wie gut man tanzen kann. „Partys gehören zur Kultur“, sagt Mos. „Alle urbanen Tanzstile sind in Clubs entstanden, auf Partys haben sich diese Stile entwickelt. Umso wichtiger ist es, dass wir Partys veranstalten.”
Nationale Ranking Battle des Deutschen Tanzsportverbands
Auch außerhalb des Trainingsraums lebt die Szene: In Erfurt legen DJs aus der Community regelmäßig in Clubs auf, etwa bei „Nice“ im Klubhaus Kickerkeller, wo Segal Silver und DJ Soundcham Afrobeats, Amapiano und Dancehall spielen. Im Kalif Storch läuft monatlich bei “Supremo” Hip-Hop, Trap, Afrobeats und Deutsch-Rap – unter anderem mit Mos an den Decks.
Förderung durch Stadt Erfurt
Gefördert wird Effort’99 in diesem Jahr von der Stadt Erfurt. Der nächste Termin: Am 27. April lädt die Gruppe zur offenen Cypher, zu Show Battles und einem Info-Stand über Hip-Hop-Kultur in den Orange Jungle. Es soll ein Vorgeschmack sein für das Nationale Ranking Battle des Deutschen Tanzsportverbands im Kontor Erfurt am 11. Mai.
Hard Facts:
- Community Get Together
- 27. April 2025 | 16 bis 19 Uhr
- Orange Jungle | Anger 1, Ecke Juri-Gagarin-Ring/Meyfartstraße | Erfurt
- Mehr zu Effort’99 bei Instagram: @effort.99
