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Thüringer Konzert-Erlebnis verwandelt Plattenbau-Balkone in VIP-Logen

12. August 2026 • Geschrieben von Yannick Rau
Das Hebebühnenkonzert in Erfurt ist für Besucher:innen kostenfrei. Foto: Sascha Simon

Eine gelbe Hebebühne fährt zwischen den Wohnblöcken langsam nach oben. Statt Handwerkern stehen Musiker:innen auf der Plattform, auf den Balkonen öffnen sich Türen und auf der Wiese versammeln sich Neugierige. Was ungewöhnlich wirkt, gehört in Erfurt längst zum Sommer: die Hebebühnenkonzerte.

Eine Idee aus der Pandemie

Das Projekt entstand 2021 in der Corona-Pandemie. Als Konzerte kaum möglich waren, suchte der Verein nochson. nach einer Möglichkeit, Musik zu den Menschen zu bringen. Die Lösung: Eine Hebebühne wird zur Bühne, mitten im Wohngebiet, für alle, die vom Balkon, Fenster oder der Wiese zuhören möchten. „Es ging uns darum, Kultur trotzdem zugänglich zu machen, ohne dass sich Menschen in Gefahr begeben müssen“, erinnert sich Mitorganisator Kay Albrecht.

Kultur kommt vor die Haustür

Schnell zeigte sich, dass die Konzerte mehr als eine Idee aus der Pandemie sind. Gemeinsam mit der WBG Erfurt bringt der Verein das Format in verschiedene Großwohnsiedlungen. Dort sollen Musik und Kultur vor der Haustür erlebbar werden. „Genau deswegen wollen wir einfach mal an einem Nachmittag da ein bisschen reincraschen und Kultur zu den Leuten bringen, statt dass die Leute erst zur Kultur fahren müssen“, sagt Kay. Besonders dort, wo viele Menschen Tür an Tür leben, möchte der Verein Begegnungen ermöglichen.

Der nochson e. V. organisiert die Hebebühnenkonzerte in Erfurt. Foto: Sascha Simon

Gerade diese Nähe macht den Reiz aus. Manche verfolgen die Musik vom Balkon, andere kommen auf der Wiese zusammen. „Man ist bei sich zuhause und schaut sich ein Konzert an“, beschreibt Kay das besondere Gefühl. „Die Leute sitzen einfach auf ihrem Balkon, fast wie in einer Theaterloge“, vor allem der Blick von oben hat seinen eigenen Reiz: „Es ist eben noch mal etwas anderes, sich einen Logenplatz auf dem eigenen Balkon zu nehmen und ganz bequem aus dem Wohnstuhl heraus Kultur zu genießen.“ Auch unten auf der Wiese entsteht ein Treffpunkt.

Mehr als nur Musik

Für Kay geht es um weit mehr als Musik. Gerade in großen Wohnquartieren, in denen viele Menschen Tür an Tür leben und sich trotzdem kaum kennen, sollen die Hebebühnenkonzerte Nachbarschaften zusammenbringen. Deshalb dachte sich Kay: „Holt die Leute aus den Wohnungen oder von den Balkonen runter und bringt sie einfach mal zusammen!“ Ziel sei es, Begegnungen zu fördern und Nachbarschaften zu stärken. Er fügte noch hinzu: „es ist also ohnehin ein sehr diverses Umfeld. Umso wichtiger ist es, wenn dann unten auf der Wiese oder an der Bank plötzlich alle zusammenkommen.“

Vom Wohnblock auf die Bühne

Auf die Frage, ob ihm aus den vergangenen Jahren ein besonderes Erlebnis in Erinnerung geblieben sei, muss Mitorganisator Kay nicht lange überlegen. Er erzählt von einem Konzert am Moskauer Platz. Während des Soundchecks sprach ihn eine ältere Anwohnerin an und erzählte, dass sie Mundharmonika spiele. Kurzerhand luden die Veranstalter sie ein, selbst auf der Hebebühne aufzutreten. Wenig später spielte sie mehrere Stücke vor ihrem eigenen Wohnblock. Für Kay zeigt dieser Moment den Gedanken hinter dem Projekt: „Genau so soll es ja sein. Dass Anwohnende das Fest für sich erobern und einfach mitmachen.“

Auch beim Programm setzt der nochson e. V. auf regionale Künstler:innen. „Wichtig ist uns immer, dass junge regionale Artists dabei sind“, sagt Kay. Neben Anne, die in dem Wohnblock aufgewachsen ist, gehören auch die Besen Street Boys, Fia Silena und Principess zum diesjährigen Line-up. Denn das Programm soll die Menschen vor Ort ansprechen. „Wir überlegen also schon immer: Was könnte die Menschen vor Ort abholen?“, sagt Kay.

Regionale Acts im Fokus

Hinter jedem Konzert steckt viel Organisation. Fördermittel müssen organisiert, Technik geplant und über 1.000 Flyer verteilt werden. Viel Arbeit für wenige Stunden Musik. Doch genau auf diese Momente freut sich Kay jedes Jahr. „Wenn alles funktioniert und wir dann Teil der Veranstaltung werden, am Ende sogar ein bisschen unsichtbar in der Menge verschwinden und einfach mitgenießen können.“ Dann übernimmt die Kultur.

Die Hebebühne hebt wieder ab

Am 16. August hebt die Hebebühne von 15 bis 19 Uhr in der Körnerstraße 2 am Herrenberg ab. Kay hat einen Tipp für alle, die das Format noch nicht erlebt haben: „Wer es noch nicht gesehen hat, wird so etwas wahrscheinlich noch nie erlebt haben. Es ist einfach etwas ganz Besonderes, Musik auf einer Hebebühne zu erleben.“

Hard Facts:

  • Wann: Sonntag, 16. August 2026, 15–19 Uhr
  • Wo: Körnerstraße 2, 99099 Erfurt, am Herrenberg
  • Eintritt: frei
  • Acts: Anne, Besen Street Boys, Fia Silena und Principess
  • Zusätzlich: Bingo, Flohmarkt, Hüpfburg, Glücksrad sowie Essen und Getränke

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