Ich bin Mutter und Künstlerin. Auf beides bin ich stolz. Ich möchte mich nicht für das eine oder andere entscheiden, denn beides macht mich aus“, schreibt Felicitas Packeiser in ihrem Post bei Instagram. Auf den zugehörigen Fotos ist zu sehen, wie die Erfurter Künstlerin ihr Kind mitten in der Erfurter Kunsthalle während der Vernissage zur Ausstellung „The Cute Escape. Empathie, Empowerment, Empfindsamkeit“ stillt.
Felicitas Packeiser kritisiert Care-Lücke in Erfurter Kunsthalle
Es ist eine künstlerische Intervention mit der die junge Mutter auf Missstände in der Kunst und im speziellen bei der Organisation der Veranstaltung sowie dem öffentlichem Kulturort aufmerksam machen will, weil weder Still- noch Wickelmöglichkeiten in der Kunsthalle vorgehalten werden. Wir sprachen mit Felicitas über ihre Aktion.
Felicitas, warum hast du dich entschieden, die Aktion im Rahmen der Vernissage in der Kunsthalle umzusetzen?
Die Kunsthalle Erfurt beschreibt sich selbst als einen Ort, der „das Recht auf gleichberechtigte kulturelle Teilhabe ernst nimmt und aktiv den Prozess zu einem barrierefreien und inklusiven Ausstellungsort befördert.“ Diese Selbstbeschreibung steht jedoch im klaren Widerspruch zur Realität. Eine Institution, die keine Wickelmöglichkeiten und keinen Raum zum Stillen anbietet, schließt faktisch Eltern mit kleinen Kindern von kultureller Teilhabe aus.
Grenzüberschreitende Kunst lädt im Kunsthaus Erfurt zur Reflexion ein
Um auf diese Diskriminierung aufmerksam zu machen, habe ich meinen fünf Monate alten Sohn zur Ausstellungseröffnung mitgenommen und ihn im Ausstellungsraum gestillt sowie gewickelt. Mit dieser Geste wollte ich sichtbar machen, dass Menschen mit Fürsorgeverantwortung konkret: Mütter mit Kindern im kuratorischen Planungsprozess nicht mitgedacht wurden.
Die Reaktionen waren bezeichnend: Die Sicherheitskräfte diskutierten offen darüber, ob meine Intervention unterbunden werden solle. Eine Mitarbeiterin des MDR sprach mich gezielt darauf an. Die beiden Kurator*innen der Ausstellung, Annekathrin Kohout und Philipp Schreiner, reagierten hingegen überhaupt nicht. Schweigen, wo eigentlich ein Dialog notwendig wäre.
Du kritisierst, dass die Ausstellung zwar für Empfindsamkeit und Menschlichkeit wirbt, aber grundlegende Bedürfnisse von Eltern wie Wickel- und Stillmöglichkeiten vernachlässigt. Inwiefern untergräbt dies deiner Meinung nach die intendierte Botschaft der Ausstellung?
Die Ausstellung selbst wirbt damit, sich mit den drängenden Fragen unserer Zeit auseinanderzusetzen. Sie möchte Räume schaffen, in denen Fürsorge, Empathie und Empowerment sichtbar und erfahrbar werden. Doch ich frage mich: Wer genau soll hier eigentlich empowert werden? Ich persönlich fühlte mich jedenfalls kaum bestärkt, als ich auf dem Boden einer Toilette meinen kleinen Sohn wickeln musste.
Auch die viel beschworene Idee von Solidarität und Gemeinschaft verliert für mich an Glaubwürdigkeit, wenn bestimmte Gruppen durch strukturelle Barrieren faktisch von Teilhabe ausgeschlossen werden.
Es wirkt vielmehr so, als hätten sich die Kurator*innen vor allem auf der symbolischen Ebene mit dem Thema Fürsorge auseinandergesetzt. Die verwendeten Begriffe „Empowerment“, „Empfindsamkeit“, „Solidarität“ scheinen hier vor allem dekorativ eingesetzt zu sein, weil sie im gegenwärtigen Diskurs „en vogue“ sind. Diese Form der kuratorischen Oberflächenpolitik erinnert mich sehr an ein Phänomen, das man aus anderen Bereichen kennt: „Care-Washing“. Ein Begriff, der beschreibt, wie soziale Verantwortung zur Imagepflege eingesetzt wird, ohne dass sich an den zugrundeliegenden Machtverhältnissen tatsächlich etwas ändert.
Die Aussage von Co-Kurator Philipp Schreiner („Das ist nicht mein Aufgabenbereich“) hat dich offensichtlich empört. Was sagt diese Reaktion deiner Meinung nach über das vorherrschende Verständnis von kuratorischer Verantwortung in Bezug auf Inklusion und Fürsorge aus?
In erster Linie sagt diese Erfahrung für mich auch einiges über Philipp Schreiner als Kurator aus, insbesondere darüber, wie wenig er sich offenbar mit der eigentlichen Bedeutung seiner Berufsbezeichnung auseinandergesetzt hat. Der Begriff „kuratieren“ leitet sich vom lateinischen Verb „curare“ ab, was nichts anderes bedeutet als „sich kümmern“. Damit ist die Tätigkeit des Kuratierens in ihrem Ursprung untrennbar mit der Politik der Fürsorge verbunden. Wer diesen Anspruch ernst nimmt, sollte ihn nicht nur inhaltlich, sondern auch strukturell und organisatorisch mitdenken.
Doch Philipp Schreiner ist nicht der einzige, dem dieses Bewusstsein offenbar fehlt. Auch Annekathrin Kohout, die die Ausstellung „The Cute Escape“ gemeinsam mit ihm kuratiert hat, scheint sich dieser Verantwortung nicht gestellt zu haben. Ebenso wenig die langjährige Kuratorin der Kunsthalle Erfurt und der Galerie Waidspeicher, Susanne Knorr, oder der ehemalige Direktor Kai Uwe Schierz. Es wirkt, als habe sich auf institutioneller Ebene bislang niemand ernsthaft mit dem Begriff des „Curating with Care“ auseinandergesetzt dabei wäre genau das der notwendige Schritt, um Fürsorge nicht nur als Schlagwort, sondern als gelebte Praxis in den Kunstbetrieb zu integrieren.
Du sprichst in deinem Post bei Instagram von „Machtgefällen“, die in der Ausstellung trotz ihrer vermeintlichen progressiven Ausrichtung aufrechterhalten werden. Welche konkreten Aspekte der Ausstellung oder ihrer Organisation siehst du als Beispiele für diese Machtgefälle?
Ganz radikal formuliert, wirkt es auf mich fast so, als würden die Künstler*innen mit ihren oftmals „cuten“ Kunstwerken unter dem Deckmantel der Fürsorge schlichtweg instrumentalisiert. Die Ausstellung erzeugt auf den ersten Blick ein scheinbar lupenreines, progressives Image, in dem Künstler*innen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen, geschlechtlichen und sexuellen Identitäten eingeladen werden. Ein bewusst zusammengestelltes Bild, das auf politische Korrektheit abzielt. Die tatsächlichen Machtverhältnisse innerhalb der Institution bleiben davon jedoch unberührt.
Dieses Alibi-Verhalten zeigt sich für mich besonders deutlich im Umgang mit den grundlegenden Bedürfnissen von Menschen mit Sorgeverantwortung: Es wurden weder Wickel- noch Stillmöglichkeiten geschaffen. Die Ausstellungseröffnung, die Kurator*innenführung sowie der Artist Talk finden zu Zeiten statt, die es für Eltern mit kleinen Kindern nahezu unmöglich machen, teilzunehmen. Auch wenn in den Osterferien ein „Spielzeuglabor“ für Kinder und Jugendliche angeboten wurde, bleibt das Angebot darüber hinaus erstaunlich dünn.
Es gibt keine museumspädagogischen Programme, die auf Familien zugeschnitten wären, geschweige denn eine Kinderbetreuung für Veranstaltungen wie Eröffnung oder Führung. All das sind für mich keine bloßen Nebensächlichkeiten, sondern deutliche Zeichen dafür, dass es hier weniger um echte Fürsorge und Teilhabe geht, sondern vielmehr um die Inszenierung eines progressiven Images — ohne die dahinterliegenden Strukturen wirklich in Frage zu stellen.
Welche Erwartungen hattest du an die Ausstellung „The Cute Escape“ im Vorfeld, gerade im Hinblick auf das Thema „Curating with Care“? Wurden diese Erwartungen enttäuscht und wenn ja, in welchen Punkten am meisten?
Als ich im Vorfeld den Ausstellungstitel gelesen habe, dachte ich: „Wie cool das könnte tatsächlich eine Ausstellung sein, die sich ernsthaft mit den Begriffen Fürsorge, Verantwortlichkeit und Solidarität auseinandersetzt.“ Ich war gespannt darauf, inwiefern der Begriff der „radikalen Fürsorge“ künstlerisch und inhaltlich verhandelt werden würde.
Thüringer Anime-Szene wächst: JenaCo vervierfacht sich einfach mal!
Doch während der Ausstellungseröffnung wurde mir klar, dass hier eher Schlagworte als echte Haltungen verhandelt wurden. Als ich Phillipp ansprach und nach einer Wickelmöglichkeit fragte, erhielt ich lediglich die knappe Antwort: „Das ist nicht mein Aufgabenbereich.“ Und als ob das nicht schon entlarvend genug gewesen wäre, schlug er mir dann vor, doch einfach die „Behindertentoilette“ zu benutzen ein Vorschlag, der nicht nur wenig praktikabel, sondern auch sprachlich alles andere als sensibel war. In diesem Moment wurde mir klar: „Du hast dir nette, zeitgeistige Schlagwörter für die Ausstellung ausgesucht aber wirklich verstanden, worum es bei radikaler Fürsorge geht, hast du offenbar nicht.“
Wie beeinflusst deine Rolle als Mutter deine künstlerische Praxis und deine Wahrnehmung der Kunstwelt? Gibt es spezifische Herausforderungen oder Perspektiven, die sich daraus ergeben?
Ich habe gesellschaftliche Strukturen schon immer eher kritisch hinterfragt. Seit ich Mutter bin, fällt es mir jedoch noch schwerer, strukturelle Benachteiligungen einfach hinzunehmen. Die Erfahrungen von Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft haben mir auf eine sehr existenzielle Weise vor Augen geführt, welche ungeahnten Kräfte in mir stecken und wozu ich tatsächlich in der Lage bin. Es fühlt sich fast an wie eine Urkraft, die in uns allen schlummert und durch extreme, existenzielle Erfahrungen an die Oberfläche tritt.
Diese Gewissheit um meine eigene Stärke ist für mich der Antrieb, mich gegen hegemoniale, ungerechte Strukturen zu richten. Durch die Geburt meiner Kinder wurde mir noch klarer bewusst, wie tief alles miteinander verwoben ist wie sehr Fürsorge, Gemeinschaft und Solidarität die Grundlage eines funktionierenden Zusammenlebens bilden. Dieser Gedanke prägt auch meine künstlerische Praxis: Der Kollektivitätsgedanke ist für mich immer mehr in den Vordergrund gerückt.
https://youtu.be/G-8uMmx8w4U
In der Kunstszene hingegen ist der Konkurrenzdruck und das Einzelkämpfertum tief verankert nicht zuletzt aufgrund der prekären Bedingungen, unter denen viele Kunstschaffende arbeiten. Doch in den letzten Monaten, während der Arbeit an meiner Diplomarbeit, habe ich eine andere Seite dieser Szene kennengelernt: Ich durfte viele starke Künstlerinnen mit Kindern treffen, die obwohl sie durch Geschlecht und Mutterschaft strukturell benachteiligt sind ein bemerkenswertes Maß an gegenseitiger Unterstützung und Solidarität leben.
Statt sich, wie es das System eigentlich erwartet, gegenseitig zu überbieten oder auszustechen, versuchen diese Frauen, sich gegenseitig zu stärken. Für mich ist das gelebtes Empowerment. Und genau in diesem Solidaritätsgedanken liegt, davon bin ich überzeugt, enormes Potenzial für tatsächliche Veränderung.
Du bezeichnest Fürsorgeverantwortung als ein „Politicum“ und forderst deren Sichtbarmachung. Warum ist es deiner Meinung nach so wichtig, dieses Thema im öffentlichen und insbesondere im kulturellen Raum zu diskutieren?
Der kulturelle Raum hat seit jeher die Aufgabe, gesellschaftliche Missstände sichtbar zu machen und Veränderungsprozesse anzustoßen. Gerade in der Kunst liegt eine enorme Kraft: Sie eröffnet Räume für Reflexion, Infragestellung und Neugestaltung. Künstlerische Freiheit schafft die Möglichkeit, neue Strategien zu entwickeln, um Themen wie Fürsorgeverantwortung aus der Unsichtbarkeit zu holen und in den öffentlichen Diskurs zu tragen.
Spätestens seit der Covid-19-Pandemie sollte uns allen bewusst sein, wie stark wir als Gesellschaft auf gegenseitige Fürsorge angewiesen sind und welche tragende Rolle Pflege- und Sorgearbeit für eine funktionierende soziale Infrastruktur spielt. Die Pandemie hat aber auch schmerzhaft offengelegt, wie unsichtbar, unterbewertet und oft ausbeuterisch Care-Arbeit bis heute organisiert ist. Ein Großteil dieser Arbeit wird unbezahlt von Frauen geleistet. Diese Realität spiegelt sich auch im Kunstbetrieb wider: Die Überlastung und Unsichtbarkeit von Sorgearbeit hat die Marginalisierung von Künstlerinnen mit Kindern im Kunstsektor weiter verschärft.
Dabei ist klar: Keine Gesellschaft kann ohne Fürsorge fortbestehen. Sorgearbeit darf nicht länger als „Arbeit aus Liebe“ romantisiert und in den privaten Raum abgeschoben werden. Fürsorgeverantwortung muss als gesamtgesellschaftliches, öffentliches Anliegen anerkannt werden auch und gerade in der Kultur.
Du schreibst, dass sich Frauen und Mütter in der Kunst „für doof verkauft“ fühlen. Was genau meinst du damit und welche Beispiele hast du dafür erlebt?
Laut der Statistik des Bundesamtes liegt der Anteil erwerbstätiger Frauen in der Bildenden Kunst bei rund 53 Prozent. Auf den ersten Blick mag das nach Gleichgewicht klingen doch der Gender Pay Gap spricht eine andere Sprache: Im Kunst- und Kulturbereich liegt die Einkommensdifferenz zwischen Männern und Frauen seit 2014 konstant zwischen 20 und 31 Prozent.
Rap statt Schulalltag: Jenaer Newcomer „kickpunchpow“ kündigt für die Musik
Zudem werden Werke von Künstlerinnen nachweislich seltener ausgestellt, und insbesondere für Künstlerinnen mit Kindern gilt nach wie vor ein unausgesprochener, aber spürbarer Karriereknick: Mutterschaft wird bewusst oder unbewusst häufig als Bruchstelle der künstlerischen Professionalität betrachtet, während männliche Künstler durch die Vaterschaft keinerlei berufliche Nachteile erfahren. Kinder gelten für Künstlerinnen bis heute als „Karrierekiller“ und wer beides sichtbar lebt, wird schnell als „uncool“ abgestempelt.
Ein besonders drastisches Beispiel dafür ist die finnische Fotokünstlerin Katharina Bosse. Nach der Geburt ihres zweiten Kindes wurde ihr von einem Sammler mitgeteilt, er könne ihre Werke nun zur Auktion freigeben ihr künstlerischer Wert sei ab diesem Moment nicht mehr gegeben. Ironischerweise war Bosse 2023 Teil der Erfurter Ausstellung Family Affairs, die künstlerisch das Thema Elternschaft reflektierte und Normen infrage stellte. Leider fand dieser Perspektivwechsel auf rein symbolischer Ebene statt: Die Bedürfnisse von Eltern als Besucher*innen der Ausstellung etwa Wickelmöglichkeiten oder kindgerechte Räume blieben unberücksichtigt.
Auch die Künstlerin Despina Stokou wurde nach der Geburt ihres Kindes gefragt, ob ihr Kind ihr „größtes Meisterwerk“ sei. Eine vermeintlich humorvolle Bemerkung, die in Wahrheit eine hochintelligente, künstlerisch eigenständige Frau auf die Mutterrolle reduziert. Während Künstlerinnen mit Kindern um ihre Sichtbarkeit und Anerkennung ringen, können männliche Künstler unbehelligt von diesen Zuschreibungen ihre Karriere fortsetzen. Niemand käme auf die Idee, Jeff Koons zu fragen, wie er es mit acht Kindern schafft, seine künstlerische Arbeit unter einen Hut zu bringen oder ob sein Werk durch Vaterschaft an Wert verloren habe.
Meine eigenen Erfahrungen aktuell noch als Studentin an der Bauhaus-Universität Weimar bestätigen diese strukturellen Hürden. Insbesondere im ersten Lebensjahr meines Sohnes war es für mich nahezu unmöglich, an Veranstaltungen teilzunehmen. Die Projektmodule der Freien Kunst sind auf ganztägige Präsenz angelegt, Online- Teilnahmen sind kaum vorgesehen. Diese starren Strukturen machen es für Personen mit Fürsorgeverantwortung äußerst schwierig, überhaupt präsent zu bleiben.
Gleichzeitig habe ich das Glück, zwei sehr unterstützende und verständnisvolle Mentor*innen gefunden zu haben, die mich bei meiner Diplomarbeit begleiten. Ohne dieses persönliche Engagement wäre mein Abschluss wahrscheinlich kaum realisierbar gewesen. Glück aber sollte nicht der entscheidende Faktor dafür sein, ob Eltern, insbesondere Mütter, ihre Ausbildung oder ihre künstlerische Laufbahn erfolgreich fortsetzen können. Hier braucht es strukturelle, keine individuellen Lösungen.
Welche Rolle siehst du für dich selbst und für andere Künstler*innen bei der Sensibilisierung für diese Thematik und der Forderung nach Veränderungen in der Kunstwelt?
Ich begreife mich als Teil einer Künstlerinnen-Generation, die — dank der emanzipatorischen Schritte früherer Generationen — ein neues Selbstverständnis und ein wachsendes Selbstbewusstsein im Umgang mit Mutterschaft entwickelt. Noch vor wenigen Jahren wurden Künstlerinnen, die die Vereinbarkeit von Mutterschaft und künstlerischer Produktion öffentlich thematisierten oder gar infrage stellten, von institutionellen Strukturen oft schlicht ausgegrenzt.
Heute erlebe ich eine spürbare Veränderung: Künstlerinnen mit Kindern sind nach wie vor von erheblichen strukturellen Nachteilen betroffen, aber zunehmend entwickeln sie Strategien, um diesen Hürden zu begegnen und vor allem, um sichtbar zu bleiben. Immer mehr Künstlerinnen trauen sich, ihre Mutterschaft offen zu zeigen, und machen damit deutlich, dass Kinder und Fürsorgeverantwortung ein integraler Bestandteil ihres Lebens sind. Die Kunstwelt kann nicht länger so tun, als ließen sich die Rolle der Künstlerin und die Rolle der Mutter strikt voneinander trennen.
Bemerkenswert ist zudem das starke Kollektivitätsbewusstsein unter Künstlerinnen mit Kindern. Zunehmend entstehen Initiativen, Netzwerke und kollektive Zusammenschlüsse, die sich solidarisch für bessere strukturelle Bedingungen einsetzen oder gemeinsam Wege entwickeln, um Fürsorge und künstlerische Praxis miteinander zu vereinbaren. Diese Selbstorganisationsformen sind Ausdruck einer politischen Haltung und zugleich eine kreative Notwendigkeit in einem System, das auf individueller Selbstverwertung und prekären Bedingungen basiert.
Dabei darf die Problematik der Ehrenamtlichkeit nicht übersehen werden: Viele dieser Initiativen leisten unbezahlte Aufklärungs- und Netzwerkarbeit, die eigentlich Aufgabe der Institutionen wäre. Die Verantwortung für strukturellen Wandel darf nicht weiterhin auf die Schultern der Betroffenen abgewälzt werden.
Warum denkst du, ist es so wichtig, dass staatliche Institutionen wie die Kunsthalle Erfurt grundlegende Einrichtungen wie Wickeltische und Stillbereiche anbieten?
Staatliche Museen sind per Definition keine gewinnorientierten Unternehmen. Sie tragen den Auftrag, kulturelle Teilhabe für die breite Öffentlichkeit zu ermöglichen. Das bedeutet nicht nur, Kunst zugänglich auszustellen, sondern auch, Barrierefreiheit, Inklusion und Diversität aktiv zu fördern.
Wenn eine Institution wie die Erfurter Kunsthalle weder über einen Wickeltisch noch über einen Stillbereich verfügt, schafft sie damit faktisch Barrieren — und schließt damit automatisch einen Teil der Gesellschaft aus: Eltern mit kleinen Kindern. Nicht jede Frau fühlt sich wohl dabei, in der Öffentlichkeit zu stillen. Oft ist dies nicht nur eine persönliche, sondern auch eine kulturell geprägte Entscheidung.
Ebenso ist es äußerst unpraktisch, wenn es bei einem Museumsbesuch keine Möglichkeit gibt, ein Baby in Ruhe und hygienisch zu wickeln. Es wäre ein einfaches, aber bedeutendes Zeichen von Gastfreundschaft, wenn solche Räume geschaffen würden. Sie würden vermitteln: Eltern und ihre Kinder sind hier willkommen und werden als Teil des Publikums ernst genommen.
Und, Hand aufs Herz: Wie schwer kann es sein, diese minimalen Anforderungen zu erfüllen? Wenn selbst ein Kaufhaus wie Breuninger (oder IKEA) es seit Jahren selbstverständlich umsetzt, sollte es für eine öffentliche Kultureinrichtung nicht weniger selbstverständlich sein.
Du hast sowohl Susanne Knorr als auch die Kulturdirektion bezüglich Zahlen von Künstlerinnen mit Kindern in Erfurt kontaktiert und keine Antwort erhalten. Was vermutest du hinter dieser fehlenden Reaktion? Welche Konsequenzen hat diese Intransparenz für Künstlerinnen mit Fürsorgeverantwortung?
Es ist naheliegend, dass sich viele Entscheidungsträger*innen in der Erfurter Kulturszene bislang nicht intensiv mit der Frage beschäftigt haben, wie präsent Künstlerinnen mit Kindern tatsächlich in Ausstellungen, etwa in der Kunsthalle oder den städtischen Museen, vertreten sind oder eben nicht. Diese fehlende Auseinandersetzung zeigt sich nicht zuletzt darin, dass es offenbar keinerlei Bewusstsein oder belastbare Zahlen zu diesem Thema gibt.
Umso enttäuschender empfinde ich in diesem Zusammenhang das Schweigen von Susanne Knorr. Als Kuratorin, Vorstandsmitglied des Erfurter Kunstvereins und Jurorin an verschiedenen Kunsthochschulen trägt sie eine besondere Verantwortung. Menschen in solchen Positionen sollten Vorbilder sein nicht nur für angehende Künstler*innen, sondern auch im Hinblick auf ein kulturpolitisches Bewusstsein, das Vielfalt und Gleichberechtigung ernst nimmt.
Die allgemeine Reaktionslosigkeit aller Verantwortlichen auf meine Nachfragen empfinde ich als bezeichnend. Sie zeugt für mich weniger von Überforderung als vielmehr von einer Mischung aus Ignoranz und Schwäche. Natürlich können selbst die engagiertesten Kurator*innen Aspekte übersehen, die nicht Teil ihrer eigenen Lebensrealität sind. Das ist menschlich. Doch gerade hier beginnt Verantwortung: Zuhören, Fragen ernst nehmen, reflektieren.
Sozial benachteiligter Stadtteil in Erfurt verwandelt sich zu Hip-Hop-Hotspot
Dass weder Susanne Knorr noch Philipp auf meine Anregung hin ein Zeichen von Verständnis, Interesse oder Gesprächsbereitschaft signalisiert haben, ist mehr als nur ein unglückliches Missverständnis es ist ein Symptom einer größeren strukturellen Blindheit.
Der Kunstkompass 2023 zeigt eine deutliche Diskrepanz in der Anzahl der Kinder bekannter Künstlerinnen und Künstler. Glaubst du, dass ähnliche Ungleichheiten auch in der Erfurter Kunstszene existieren und wenn ja, wie äußern sie sich deiner Erfahrung nach?
Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass dies der Fall ist. Dass Künstlerinnen mit Kindern strukturell benachteiligt werden, ist kein vager Eindruck, sondern ein Fakt. Wer Gleichberechtigung im Kulturbetrieb ernst meint, muss zunächst die Bereitschaft entwickeln, sich dieser Realität bewusst zu werden. Solange dieses Bewusstsein insbesondere in leitenden Positionen nicht vorhanden ist, wird es auch keine nachhaltige, infrastrukturelle Veränderung geben.
Ein Kulturbetrieb, der sich tatsächlich mit der Unterrepräsentanz von Künstlerinnen mit Kindern auseinandergesetzt hat, würde sich nicht mit dem Status quo zufriedengeben. Er würde Barrieren abbauen, statt sie zu stabilisieren oder gar zu verschleiern.
Es braucht einen grundlegenden Haltungswechsel: den Mut, bestehende Strukturen zu hinterfragen, die Bedürfnisse von Künstler*innen mit Sorgeverpflichtungen sichtbar zu machen und als festen Bestandteil in kuratorische, organisatorische und förderpolitische Entscheidungen einzubeziehen. Erst auf dieser Basis lassen sich konkrete Maßnahmen entwickeln . Von familienfreundlichen Arbeitsbedingungen über barrierearme Veranstaltungsorte bis hin zu realistischen Fördermodellen, die der Lebensrealität von Künstlerinnen mit Kindern gerecht werden.
Wer Kultur für alle will, muss auch Sorgearbeit als Teil der künstlerischen Realität anerkennen und entsprechende Strukturen schaffen.
Welche konkreten Maßnahmen oder Veränderungen würdest du dir von der Kunsthalle Erfurt, der Kulturdirektion und anderen Kultureinrichtungen in Erfurt wünschen, um „Curating with Care“ tatsächlich umzusetzen und Künstler*innen mit Fürsorgeverantwortung besser zu unterstützen?
Ich wünsche mir, dass Kultureinrichtungen künftig kuratorische Konzepte entwickeln, die Fürsorgeverantwortung von Anfang an mitdenken. Dafür braucht es in erster Linie einen inneren Haltungswechsel: die Bereitschaft, sich bei der Planung neuer kuratorischer oder kultureller Projekte die nötige Zeit und den Raum zu nehmen, um gemeinsam mit den Beteiligten und Adressat*innen herauszufinden, welche Bedürfnisse bestehen und diese, wo immer möglich, auch tatsächlich umzusetzen.
Thüringer Influencerin Survival Siglinde präsentiert ein Frühlings-Rezept für wilde Zeiten
Neben der Berücksichtigung individueller Bedürfnisse sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, dass Kultureinrichtungen über Wickel- und Stillmöglichkeiten verfügen. Im Idealfall wird auch eine kostenlose Kinderbetreuung angeboten. Was auf den ersten Blick nach einer utopischen Forderung klingt, ist in anderen Bereichen längst Realität. IKEA beispielsweise bietet diesen Service seit Jahrzehnten an.
Darüber hinaus sollten Fördermodelle für Künstlerinnen stärker an die Lebensrealitäten von Menschen mit Sorgeverpflichtungen angepasst werden. Insbesondere Altersgrenzen bei Stipendien. Etwa die verbreitete Grenze von 35 Jahren benachteiligt Künstlerinnen, die Familie gegründet haben, systematisch. Da der Zeitraum für Familiengründung meist zwischen Mitte 20 und Mitte 40 liegt, schließt diese Praxis viele Kunstschaffende von einer wichtigen Unterstützung aus. Besonders Alleinerziehende oder Künstler*innen mit mehrjährigen Betreuungspflichten haben derzeit kaum Chancen, von bestehenden Förderangeboten zu profitieren.
Angenommen, du hättest die Möglichkeit, direkt mit den Verantwortlichen der Kunsthalle Erfurt und der Kulturdirektion über deine Anliegen zu sprechen: Was wäre deine dringlichste Botschaft oder Forderung an sie?
Kurz: Mein dringendstes Anliegen wäre es Voraussetzungen dafür zu schaffen, unterrepräsentierte Personengruppen Sichtbarkeit zu verschaffen.
Sorgfältiges Kuratieren sollte die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Kunst divers ist und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Vor allem aber bedeutet kuratorische Praxis, dass sie untrennbar mit politischen und sozialen Fragen verbunden ist und dass es daher auch zur kuratorischen Verantwortung gehört, sich kritisch mit diesen Fragen auseinanderzusetzen.
Hard Facts:
- Felicitas bei Instagram: @felicitas_packeiser
- Ausstellung „The Cute Escape“:
- bis 18. Mai in der Kunsthalle Erfurt | Fischmarkt 7
