Jahre lang haben queere Menschen an Akzeptanz und Unterstützung gewonnen. Vieles, wie zum Beispiel die Ehe für Alle oder das Selbstbestimmungsgesetzt wurden eingeführt – Errungenschaften eines langen harten Kampfes der queeren Community, nicht zuletzt auf CSDs. Doch in den letzten Jahren hat sich das Klima wieder gedreht. Auch in Thüringen. Kein Wunder, dass 2025 so viele CSDs wie nie zuvor im Freistaat stattfinden.
Thüringen feiert Vielfalt: Größter CSD in Erfurt
Zuletzt fand am 30. August in Suhl die erste queere Demonstration statt und die Berichterstattung spricht Bände: „Neonazis stören den CSD in Suhl“, heißt es da. Ein Grund mehr laut zu sein und gegen Ausgrenzung und Hass und für queere Rechte und Sichtbarkeit auf die Straße zu gehen.
Rekordjahr: So viele CSDs wie nie zuvor in Thüringen
Das denken sich auch die Organisator:innen des CSDs in Erfurt, der am 6. September stattfindet. Als der größte Demonstrationszug in Thüringen, wendet er sich mit einem konkreten Forderungskatalog an die Thüringer Landesregierung und soll zugleich ein unübersehbares Zeichen aussenden. Wir sprachen vorab mit Richard Gleitsmann vom CSD-Erfurt-Bündnis.
Thüringen erlebt 2025 so viele CSDs wie noch nie zuvor – was sagt das über die Situation und den Bedarf an Sichtbarkeit in der Region aus?
In letzter Zeit ist eine abnehmende Akzeptanz gegenüber queeren Personen zu beobachten. CSDs werden zunehmend angegriffen, rechtsextreme Kreise erklären die queere Community zum Feindbild und bekämpfen eine vermeintlich „woke“ Lebensweise – auch mit Gewalt. Leider greifen auch etablierte Parteien rechte Narrative auf, etwa durch die Infragestellung des Selbstbestimmungsgesetzes, durch das Verbot der Regenbogenflagge am Bundestag oder dem Verbot der CSD-Teilnahme der queeren Gruppe des Parlaments.
International wirkt sich die politische Lage ebenfalls aus: Nach Trumps Wiederwahl wurden in den USA viele Diversitätsprogramme abgeschafft, Unternehmen beenden ihre Unterstützung von CSDs – Entwicklungen, die auch hierzulande spürbar sind.
Als Reaktion wird die queere Community lauter und sichtbarer, auch in kleineren Städten. Sie will zeigen: Queeres Leben gehört überall zur Gesellschaft. Trotz aller Rückschläge bleibt klar – der Weg zu voller Gleichberechtigung ist noch lang, aber er muss weiter gegangen werden.
In Zeiten, in denen rechte Parteien und Gruppierungen zunehmend Einfluss gewinnen – welche besondere politische Dimension hat der CSD Erfurt in diesem Jahr?
Der CSD Erfurt war schon immer eine politische Demonstration. Leider ist eine gesichert Rechtsextreme Partei in Thüringen stärkste Kraft. Sie steht gegen alles, was die Werte unseres CSDs sind. Auch andere rechtsextreme Strömungen wollen uns zum Schweigen bringen, wollen uns unsere Existenz absprechen.
Solidarisiert euch mit queeren Jugendlichen in Thüringen – Wear It Purple!
Als CSD der Landeshauptstadt und einer der, wenn nicht DER größte CSD in Thüringen ist es unsere Aufgabe darauf hinzuweisen, was passieren kann, wenn rechtsextreme Parteien an die Macht kommen und rechte Narrative salonfähig werden. Deswegen ist es wichtig, dass wir sowohl der Gesellschaft als auch der Politik zeigen, dass wir hier, dass wir laut, und dass wir ein Teil der Gesellschaft sind.
Der CSD wird oft als „bunte Parade“ wahrgenommen – was wird dabei unterschätzt, wenn man die politische Botschaft in den Hintergrund drängt?
Tatsächlich ist der CSD eine Demonstration, die unseren Forderungen eine unübersehbare Bühne geben soll. Aber ein CSD ist auch ein Safe-Space für queere Menschen aus ganz Thüringen und darüber hinaus. Er ist ein Tag, an dem sie im Mittelpunkt stehen, an dem sie sich zeigen können, ohne Angst zu haben. Es ist deswegen auch ein Fest der Liebe und Akzeptanz.
Wir versuchen die politische Komponente und die Party für Sichtbarkeit so gut es geht in Einklang zu bringen. Deswegen wird es dieses Jahr mindestens elf Reden geben, die die Positionen unterschiedlicher queerer Interessengruppen abbilden. Die Botschaften sollen die queere Community, aber vor allem auch die Stadtbevölkerung von Erfurt erreichen. Deswegen finden die Reden neben dem Straßenfest auch am Karl-Marx-Platz und vor dem Anger 1 statt.
Welche konkreten Forderungen bringt ihr 2025 in Thüringen an Politik und Gesellschaft heran?
Unsere Forderungen lassen sich in sechs Schwerpunkte gliedern. Zunächst geht es um die konsequente Bekämpfung von Queerfeindlichkeit: Schutz vor Hasskriminalität, bessere Aufklärung, Nothilfestellen und eine klare Abgrenzung gegenüber Rechtsextremen. Zweitens wird die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung betont – etwa durch die Erweiterung des Grundgesetzes, die Anerkennung von Regenbogenfamilien und Mehrelternschaft, den Schutz des Selbstbestimmungsgesetzes und die Abschaffung diskriminierender Paragrafen.
Ein weiterer Bereich betrifft den Erhalt und Ausbau queerer Strukturen in Thüringen, insbesondere eine gesicherte Finanzierung und stärkere Angebote im ländlichen Raum. Im Feld Gesundheit werden mehr queersensible Therapien, Kostenübernahme bei Kinderwunsch und kostenlose Periodenprodukte gefordert.
Das Bildungswesen soll mit queersensibler Aufklärung und verpflichtenden Fortbildungen gestärkt werden. Schließlich stehen der Schutz mehrfachdiskriminierter Gruppen sowie internationale Solidarität mit queeren Menschen im Mittelpunkt.
Gibt es Forderungen speziell an die Landesregierung Thüringen, die ihr 2025 besonders in den Mittelpunkt stellen wollt?
Ja, die gibt es, viele der eben dargelegten Forderungen beziehen sich explizit auf unser Bundesland. Zum Beispiel fordern wir eine sichere Finanzierung von queeren Bildungseinrichtungen- und Beratungsangeboten. Angebote für Queere Menschen dürfen nicht daran scheitern, dass sie nicht mehr finanziert werden können.
Wie reagieren Kommunal- und Landespolitik auf eure Arbeit – erfahrt ihr Unterstützung oder eher Widerstände?
Alles in allem sind wir zufrieden mit der Unterstützung aus der Politik. Auch wenn der CSD-Empfang im Thüringer Landtag nun deutlich kleiner ausfällt als unter der Vorgängerregierung und die Regenbogenfahne anders als in den Vorjahren wirklich nur am CSD-Tag selbst an der Staatskanzlei wehen wird, sind wir dankbar, dass die Unterstützung überhaupt noch erfolgt.
Wir freuen uns explizit auch darüber, dass OB Horn am Rathaus schon im Vorfeld und zu einer belebten Zeit auf dem Fischmarkt die Regebogenfahne hissen wird. Die Kommunikation zur Anmeldung der Demo verläuft sehr respektvoll, auf unsere Wünsche wird konstruktiv eingegangen.
Inwiefern kann ein CSD nicht nur Sichtbarkeit schaffen, sondern auch konkrete Verbesserungen für queere Lebensrealitäten in Thüringen anstoßen?
Das geht Hand in Hand. Mehr Sichtbarkeit sorgt für weniger Berührungsängste und damit zu mehr Akzeptanz. Mehr Akzeptanz sorgt für eine Verbesserung der Lebensrealitäten queerer Menschen. Wenn unsere Forderungen durch einen lauten CSD gehört und erfüllt werden, verbessert auch das ganz konkret queere Lebensrealitäten.
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Um hier beispielhaft konkret zu werden: Wenn queere Strukturen (wie zum Beispiel das Queere Zentrum Mühlhausen) sicher finanziert werden, können dort Begegnungs-, Aufklärungs-, und Beratungsangebote gemacht werden, was wiederum das Leben queerer Menschen erleichtern kann.
Wie viele Wägen habt ihr? Wie viele Menschen erwartet ihr?
Dieses Jahr werden vier Lkw am CSD teilnehmen. Dazu kommen sieben Laufgruppen von Vereinen und Unternehmen. Zusätzlich fährt ein Fahrzeug für mobilitätseingeschränkte Menschen mit und ein Rettungswagen. Wir rechnen mit etwa 4.000 Menschen – würden uns aber sehr freuen, wenn es noch ein paar mehr werden.
Viele CSDs in Thüringen arbeiten ehrenamtlich – wie groß ist die Belastung für die Orga-Teams, und wie gelingt es trotzdem, jedes Jahr auf die Straße zu gehen?
Kurzum: Die Belastung ist riesig. Die Organisation und professionelle Durchführung einer derartigen Großveranstaltung binden unheimlich viel Zeit und Ressourcen. Die Bereitschaft zu helfen ist nicht immer groß, weswegen unser Team wirklich klein ist. Dass es trotzdem gelingt, ist der unermüdlichen Arbeit unserer ehrenamtlichen Bündnis Mitglieder zu verdanken, die oft ihre komplette Freizeit opfern, um all das möglich zu machen. Deswegen versuchen wir immer wieder, Menschen für unser CSD-Bündnis oder den Verein Erfurt Pride e. V. zu gewinnen. Je mehr Menschen die Aufgaben schultern, desto weniger Arbeit und Belastung ist es für jeden einzelnen Menschen.
FUNKE Thüringen ist mit einer Laufgruppe dabei – warum ist es wichtig, dass auch große Unternehmen Haltung und sichtbar Präsenz auf dem CSD zeigen?
Das ist super wichtig, denn damit senden sie nicht nur ein Signal an die Bevölkerung, dass queere Rechte nicht verhandelbar sind und das Vielfalt und Diversität eine Gesellschaft stärker machen, sondern zeigen auch ihrer Belegschaft, die sonst vielleicht keine Berührungspunkte mit dem Thema hätte, dass que ere Menschen zur Gesellschaft gehören und nicht ausgegrenzt werden dürfen.
Um es herunterzubrechen: Wenn eine Passantin in ihrem Stamm-Supermarkt einkaufen geht und sieht, dass dieser Supermarkt die Werte des CSD Erfurt vertritt, dann ist die Akzeptanz dessen, was die queere Community ausmacht, nicht mehr so schwer.
Welche weiteren Initiativen, Vereine oder Unternehmen unterstützen euch 2025 in Erfurt?
Neben Förderungen aus Lotto- und Bundesmitteln werden wir durch den Carsharing Anbieter Teil-Auto, der Volksbank Thüringen Mitte, der Sparkasse, REWE, der LEG, DHL, und Sascha-Merkwirth-Transporte unterstützt. Außerdem haben wir Spenden von Freunden und anderen Privatpersonen und Unternehmen bekommen. Allerdings war der Weg zur Finanzierung des CSD lang und steinig.
Welche Bedeutung hat es, dass gerade jetzt – in einem politisch aufgeheizten Jahr – mehr Menschen und Organisationen beim CSD Erfurt sichtbar Stellung beziehen?
Es ist von großer Bedeutung. Die steigende Beteiligung zeigt einen entschlossenen und vielfältigen gesellschaftlichen Schulterschluss gegen Queerfeindlichkeit und Diskriminierung. Das macht sichtbar, dass die Forderung nach Gleichberechtigung und Akzeptanz keine Randposition ist, sondern ein breites zivilgesellschaftliches Anliegen. Durch die gemeinsame und öffentliche Stellungnahme entsteht eine stärkere Solidarität, die marginalisierte Gruppen schützt und ihnen Mut macht.
Auch wird klar, dass demokratische Werte wie Vielfalt, Toleranz und Menschenrechte gerade jetzt verteidigt werden müssen. Mehr Teilnehmende erhöhen die politische Wirksamkeit des CSD: Die Aufwertung der Sichtbarkeit und die Vielzahl der Unterstützenden unterstreichen, dass gesellschaftlicher und gesetzlicher Fortschritt nicht nur dringend notwendig, sondern auch mehrheitsfähig ist. Die Demonstration bleibt ausdrücklich politisch – sichtbar zu sein bedeutet, aktiv und gemeinsam für unveräußerliche Rechte und gleiche Anerkennung aller einzustehen und auch lokale Strukturen nachhaltig zu stärken.
In einer Zeit, in der Unsicherheit und Angst auch bei queeren Menschen wieder zunehmen, wirkt der CSD als Gegenbewegung: Menschen zeigen, dass sie sich trotz Bedrohungen und Gegenwind nicht einschüchtern lassen, sondern für eine offene und freie Gesellschaft einstehen.
Welche Rolle spielt Solidarität über die queere Community hinaus – zum Beispiel mit feministischen, antirassistischen oder antifaschistischen Initiativen?
Sie spielt eine große Rolle, denn die Anliegen des CSD Erfurt und vieler antifaschistischer, feministischer Gruppen sind in weiten Teilen Deckungsgleich. Das antifaschistische Bündnis „Auf die Plätze“, welches bereits tausende Menschen vor Wahlen in Thüringen mobilisieren konnte, organisiert eine Zubringer-Demo vom Bahnhof zum Demostartpunkt am Domplatz. Wir ermutigen explizit nicht queere Menschen, die unsere Werte teilen, am CSD teilzunehmen.
Welche Botschaft wollt ihr denjenigen mitgeben, die noch immer glauben, dass CSDs „nicht mehr notwendig“ seien?
So lange queere Menschen mit Ausgrenzung, Hass und Gewalt leben müssen, braucht es CSDs. CSDs werden erst dann überflüssig, wenn queere Menschen nicht nur rechtlich, sondern auch gesellschaftlich vollständig gleichgestellt sind und so leben können, sie sie es möchten.
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Wie nehmt ihr die Stimmung im Netz wahr – erlebt ihr Hass?
Social Media trägt dazu bei, dass sich Menschen nur noch in ihrer Filterblase bewegen, weil sie nur Inhalte ausgespielt bekommen, die ihren Interessen und ihrer politischen Einstellung entsprechen. Hassrede ist ein riesiges Thema. Aber vor allem ist die Spaltung der Gesellschaft beängstigend. Natürlich erleben auch wir Hass im Netz, unzählige Kommentare unter Beiträgen über uns zeigen, dass erheblicher Widerstand gegen uns herrscht. Aber wir wissen auch, dass die Mehrheit der Gesellschaft hinter uns steht, auch wenn diese Mehrheit viel zu oft viel zu leise ist. Deswegen müssen zumindest wir laut sein.
Abschließend: was sagt ihr zum Verhalten der Bundes CDU, die das Hissen einer Flagge als Parteipolitik und Affenzirkus abtun?
Wir beobachten die Vorgänge innerhalb der Bundes-CDU mit großer Sorge, nicht erst seit der Diskussion um das Hissen der Regenbogen-Flagge auf dem Bundestag beim Berliner CSD. Gerade in Zeiten, in denen Nazis CSDs angreifen, Unternehmen ihre Solidarität und ihre Unterstützung von CSDs einstellen und rechtsextreme Straftaten erheblich zunehmen, ist es ein fatales Zeichen, das Hissen einer Regenbogen Flagge, die für ein friedliches Miteinander, Liebe, Vielfalt und Akzeptanz steht, zu verbieten. Den Bundestag wegen einer wehenden Regenbogenflagge mit einem Zirkuszelt gleichzusetzen, empfinden wir als völlig absurd.
Hard Facts:
- Datum: 6. September 2025
- Startpunkt: Domplatz Erfurt | 13 Uhr
- Kommende Demonstrationen in Thüringen: 13. September – Eisenach | 14. September – Ilmenau | 27. September – Gera | 25. Oktober – Weimar
- Instagram: @csderfurt














